Hilfe – wir ertrinken in der Bilderflut?

Am Osterwochende war ich auf eine kleine Festivität eingeladen. Über kurz oder lang kommt bei solchen Gelegenheiten die Rede auch immer auf die Fotografie. So auch dieses Mal.

„Inzwischen fotografiert doch jeder“

Ja und nein.
Ja, unglaublich viele Menschen machen Fotos.
Und nein, das Phänomen ist nicht neu.

Die Menschen fotografieren. Mit Mobiltelefonen, digitalen Kompaktkameras, DSLRs, Plastikteilchen, Opas Leica, Omas Box….. und so entstehen Unmengen von Bildern. Eine wahre Bilderflut. Das bedeutet aber nicht, dass wir jetzt ganz schnell eine Arche bauen müssen, weil in kurzer Zeit schon eine schlimme, alles verschlingende Flut von Bildern über uns hereinbricht. Denn es ist schon sehr lange Zeit so. Unglaublich viele Menschen haben schon unglaublich viele Fotos gemacht.

Fotoapparate in 80% aller Vier-Personen-Haushalte mit mittlerem Monatseinkommen

Statistiken sind ja immer was Feines. Aber was nutzt einem eine Zahl von „80%“, wenn man dieser nicht eine Vergleichzahl gegenüber stellen kann? 😉

41% dieser Haushalte haben eine Waschmaschine

Das sind Zahlen, die ich aus der Zeitschrift „Fotomagazin“ entnommen habe. Ausgabe November 1965. So. Und jetzt soll einer kommen und sagen, Bilderflut wäre ein neumodisches Phänomen. Pah.

Aber früher musste man nicht alle Bilder anschauen!

Stimmt. Muss man heute aber auch nicht.

Was treibt uns eigentlich dazu, uns freiwillig in die Situation zu begeben, von Bildern überrollt zu werden?
Klar, unsere Welt ist schnell geworden. Sauschnell. Informationen prasseln von allen Seiten auf uns ein, unterstützt von der medialen Marktschreierei und der Geschwindigkeit, in denen uns diese Informationen  vorgesetzt werden. Bevor wir so eine Information verdauen können, liegt schon die nächste auf dem Teller. Und wieder die nächste und wieder die nächste. Alle werden sie gleich wichtig gemacht, alle wollen sie Hauptgericht sein, niemand Salat oder Suppe oder Vorspeise. Die ein oder andere Information kommt zuckersüß als Dessert verkleidet vorbeigetänzelt und macht klar, dass sie grundsätzlich nur ein Sahnehäubchen sein, aber bitteschön doch noch auf Knien liegend empfangen werden will. Und kaum ist sie vorbeigetänzelt, knallt sich die nächste Sensation, die eigentlich, nähme man sich die Zeit, genauer hinzuschauen, auch nur ein verkleideter, aufgemotzter Beilagensalat ist, auf den Teller und schreit nach Aufmerksamkeit. Wir drehen uns nicht weg, wir fressen, was uns vorgesetzt wird und jammern dann laut, wenn es uns aus den Ohren quillt und Magenschmerzen bereitet. Statt den Teller einfach mal weg zu schieben.

Und für wen es sonst nicht reicht, Bilder gucken fällt ihm leicht!

Kein Wunder, dass wir immer mehr und immer aggressiver mit Bildchen zugeschüttet werden. Abwaschbar, austauschbar produziert und konsumiert.

Ja aber…

Nix „ja aber“! Man wird nicht weniger intelligent, weniger interessant oder weniger attraktiv, wenn man mal nicht weiß, wer gerade wo wem ans Bein pisst. Man fühlt sich nicht schlechter, wenn man den siebenmillionsten Sonnenuntergang in HDR und Schisslaweng auf einer beliebigen Plattform für die Zurschaustellung fotografischer Ergüsse verpasst. Das gilt übrigens auch für Eichhörnchen, Marienkäfer und Rapsfelder. Echt jetzt. Probiert es mal aus.

Ja, ich schaue auch Bilder. Hier und da. Meist sehr selektiv, meinem Blutdruck zuliebe. Ich informiere mich auch über das, was in der Welt so passiert. Auch das selektiv. Hier und da. Und sicher, manchmal passiert es auch, dass ich über die social medias auf diverse Kleinkriege zwischen unterschiedlichen Kackfröschen geschubst werde, und mich in ein wenig Kopfschütteln ergehen muss, um das heisere Wispern des Beilagensalates „Ey, nimm mich, ich bin ein Steak“ wieder loszuwerden. Und dann schiebe ich den Teller einfach weg, drehe mich um und mache etwas, was MIR Spaß macht.
Solltet ihr auch mal probieren.

abtauchen

 

6 Kommentare zu “Hilfe – wir ertrinken in der Bilderflut?

  1. ptokremin

    Autsch. Nerv getroffen.

    Klar mach ich, was mir gefällt. Der Haken daran ist, dass ich eine ziemliche Ignoranz dafür entwickle, was andere tun.
    Ob durch den mangelnden Vergleich meinen Bildern die Chance auf Qualitätssteigerung entgeht, wäre dann die nächste Frage.

    Das mit dem „früher musste man es nicht ansehen“ stimmt auch nur dann, wenn Urlaubsbilder nicht als Dia-Vortrag daher kamen. 😉

  2. boris

    Was uns dazu treibt? Uns geht es mehrheitlich zu gut, deshalb suchen wir uns Beschäftigung für das wohl genetisch veranlagte Bedürfnis zu nörgeln. Unsere multiplen Allergien lassen uns primär im Haus verweilen, wo uns schnell langweilig wird. Also stürzen wir uns auf das Internet. Das könnte uns zwar theoretisch klüger machen, aber was seinerzeit mit dem Vormittagsprogramm bei RTL & Co. begann, vollenden jetzt die Social Media Kanäle. Wir konsumieren Banalitäten von wildfremden Menschen gespickt mit Bildern. Und mit Fremschäm Garantie. Ist ja auch schön, das gibt uns so ein Gefühl der Überlegenheit und wir müssen nicht so sehr über das eigene Elend nachdenken. Und nachdem wir uns ja alle den Tabak abgewöhnt haben – ist ja auch nicht gut allein schon wegen den Allergien – sind wir jetzt süchtig nach dem Smartphone. Macht sich ja auch ganz gut zwischen den Fingern. Und da bekommen wir dann wieder Bilder, die wir ja eigentlich nicht wollen, aber wir sind halt süchtig… und Diäten sind doof… 😉

  3. Sebastian

    @ptokremin:

    Ignorance is bliss.
    Der Drang zum Vergleich ist eine Begleiterscheinung der sozialen Bilderflut. Was soll denn besser werden? Technik, Komposition, Inhalt? Funktioniert alles nur, wenn Du selber genau weißt wo Du hinwillst. Dann bist Du aber auch in der Lage Dir selektiv auszusuchen was Du Dir anschaust und kannst das Gewese und Gehetze entspannt ignorieren, denn
    Ignorance is bliss!

  4. ptokremin

    @Sebastian:
    Ich gabe ja zu, dass ich faul bin: Bilder zeigen, Bilder gucken, Lob einheimsen und vielleicht noch etwas dabei lernen, OHNE den heimischen Sessel zu verlassen? Das Versprechen von Foto-Platt-Förmchen (Kuchenförmchen formen Kuchen, diese hier platte Fotos??) ist einfach zu verlockend.
    Irgendwie bin ich entspannter, seit ich nicht mehr auf ihnen unterwegs bin:
    Ignorance certainly seems to be bliss. :-)

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