Meilensteine (4)

 

Es ist immer interessant, zu erfahren, wie einen die Welt da draußen so sieht.

Ich kann mir Dich zwar nicht mehr als “Stichling im Haifischbecken” vorstellen, sondern würde Dir eher die Rolle des Vorsitzenden der Hai AG zutrauen…

Von dieser Einschätzung bin ich aber tatsächlich sehr überrascht. Und es macht mich nachdenklich. Denn ich war mal ein Mensch, der offen und freudig auf alles und jeden zugegangen ist, immer an das Gute geglaubt hat und selbst das Schlechte erst gesehen hat, wenn es gar nicht mehr anders ging. Kinder fassen einmal auf die heiße Herdplatte und dann nie wieder. Ich fasse so lange auf die heiße Herdplatte, bis man mir erklärt hat, warum es weh tut.
Inzwischen vermeide ich einfach Herdplatten. Ich nenne das jetzt meine Haifischflosse. Und die habe ich mir irgendwann einmal angeklebt. So lässt es sich besser aushalten.

__________________________________________________________________________

Wer die kryptischen Eingangssätze gelesen und verstanden hat, dem erklärt sich vielleicht auch die weitere Geschichte. Es gibt ein paar Dinge, mit denen ich nur sehr schlecht leben kann. Eines davon ist die Methode, mich hinter meinem Rücken schlecht zu machen, um sich irgendwo auf meine Kosten zu profilieren. Dummerweise bin ich ein sehr vertrauensseliger, guter Mensch. Ich twitterte:

Das trifft es leider ziemlich genau auf den Punkt.

Ja, wie ging es nun weiter? Die Saat war gelegt, ich erwischte mich immer wieder dabei zu überlegen, ob das seltsame Verhalten tatsächlich in Einflüsterungen, denen man geglaubt hatte, seine Wurzeln hatte. Auf der einen Seite traute ich den Menschen im Studio nicht zu, dass sie ohne Rückfrage irgendwelche Geschichten glaubten, die andere erzählen. Auf der anderen Seite kannte ich Andreas‘ Qualitäten als Geschichtenerzähler. Wieder gingen Jahre ins Land.

2008 erschien dann „alles, was zählt“ und da war er wieder, der Edo aus meiner Braunschweiger Zeit. Meine Ehe war Geschichte, die Kinder in einem angenehm selbstständigen Alter, der Lieblingsmensch dicht an meiner Seite und ich fotografierte erfolgreich all die Texte in meinem Kopf, die ich nicht in Worte fassen konnte. Wieder stand ein Konzert im Kalender, wieder in Aschaffenburg und wieder war ich hin und weg von der Stimme, dem Charme und der Kraft der Texte eines Edo Zanki. Ich fotografierte wie eine Besessene und war glücklich.

Diesmal wurde er nicht in Künstlermanier abgeschottet sondern begab sich nach dem Konzert für eine Autogrammstunde in die Menge. Und auch ich stellte mich an, war an der Reihe, er schaute mir in die Augen, erkannte mich, erschrak sichtlich und versuchte irgendwie aus der Begegnung herauszukommen, ohne viele Worte mit mir wechseln zu müssen. Es ergab sich ein seltsam seichter Smalltalk und für mich die Gewissheit, dass die ganze Sache nicht nur stank, sondern sowas von faul war, dass man mit den austretenden Gasen eine ganze Großstadt würde beheizen können.
Die Begegnung wühlte mich auf. Ich vergewisserte mich beim Lieblingsmenschen, dass da seltsame Reaktionen sichtbar waren, man will sich ja seine Paranoia nicht einbilden, sondern quicklebendig mit sich herumschleppen, nicht wahr? Doch, doch, der Lieblingsmensch bestätigte, dass die Reaktion seltsam war. Und in mir brodelte es. So nicht!

Erzählte ich schon von diesen heißen Herdplatten, die mich immer wieder magisch anziehen? Neben dieser Fähigkeit besitze ich auch noch andere Qualitäten. Eine davon ist, aus Begebenheiten Geschichten fotografischer Natur zu gestalten. Und nachdem der Konzertabend und die darauf folgenden Gespräche mit dem Menschen an meiner Seite ein bisschen gesackt waren, fasste ich den Entschluss, seine Musik, meine Fotografie und die ganze Geschichte drumherum in einem Projekt zusammenzufassen. Da mich dieser wunderbare Musiker schon lange vor unserem Kennenlernen in meiner Sprache, meinem Erleben und meinem Leben mit seiner Musik prägte, lautete der Arbeitstitel für dieses Projekt  „Begegnungen mit Zanki“.

Ohne den wichtigsten Protagonisten kann man ein solches Projekt nicht durchziehen, ich griff also spontan zum Telefonhörer und rief im Studio an. Mit angeklebter Haifischflosse, ganz wunderbar geschäftsmäßig, fragte ich nach einer sinnvollen E-Mail-Adresse, an die ich meine Idee für das Projekt schicken könne, klapperte zugleich das Scribble in die Mail und drückte auf „senden“. Die Antwort kam umgehen und fiel positiv aus, schnell war ein Termin zum persönlichen Treffen gemacht.

Die Fahrt war recht kurz, das Konzept stimmig und die Aufregung nicht so einprägsam wie beim ersten Mal. So ist das eben mit zweiten, dritten, vierten Malen. Ich war auch keine 24 mehr und, so hoffte ich, nicht mehr so leicht zu beeindrucken. Und ich hatte einen Plan und eine wunderbare Begleitung, die mir den Rücken frei hielt statt in selbigen zu fallen. Was konnte also passieren?
Und erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Die Studiotür ging auf und ich wurde von Edo und seinem Bruder herzlich begrüßt…. das Wort „Freundin“ fiel und ich hatte einen Kloß im Hals. Nein, ich wollte das jetzt nicht erforschen und diskutieren. Ich wollte ein Buch machen. Einmal mit allem. Die Gelegenheit würde sich schon noch ergeben, über die komischen Geschichten zu reden – die gehörten schließlich dazu. Guter Plan, nicht wahr?

Man darf nicht unterschätzen, dass auch die Fotografie ein Haifischbecken ist. Da wird mit großen Gebissen gegrinst, aber wenn du nicht höllisch aufpasst,  fehlt dir ganz plötzlich ein Stück aus deinem Hintern. Ich hatte jedoch vor, als Fotografin bei den Musikern zu schwimmen, sah meinen Hintern also nicht wirklich in Gefahr. Was ich nicht wusste, und was mir auch niemand sagte war, dass es da schon Anwärter gab, die mit frisch geschliffenen Zähnen hinter der Tür lauerten.

 

TP448li

 

Teil 1

Teil 2

Teil 3

 

3 Kommentare zu “Meilensteine (4)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.