Portrait im Café (old stuff)

Immer wieder schreiben Menschen mir E-Mails, weil sie die Inhalte meines alten Blogs vermissen. Natürlich sind diese nicht verschwunden – ich habe die meisten Artikel noch hier auf meiner Festplatte. Besonders oft werde ich nach den Texten aus der Reihe „Sie & Er“ gefragt und ich bin weich geworden. Hier also heute der Artikel, den ich am 11.09.2008 schon mal veröffentlicht hatte. Ein bisschen gepimpt mit Bildern, auch aus 2008. Logisch 😉

Samstags saßen sie gerne draußen vor dem Straßencafé in der kleinen Stadt, die sie so sehr mochten. Die Menschen flanierten, eilten, schlenderten und marschierten vorbei, in ihren Gesichtern Hektik, Gelassenheit, Unmut und heitere Ruhe.
„Ich liebe es, diesen unterschiedlichen Leuten ins Gesicht zu spionieren“ sagte er.
Sie hatte gerade den Mund voll mit der hervorragenden Sachertorte, die das Café zu bieten hatte und nickte nur.
„Stell dir vor,“ sinnierte er, “wenn nur 10 Prozent der Leute, die an uns vorbeigehen zu dir kommen würden um sich fotografieren zu lassen. Du hättest ein echtes Panoptikum vor der Kamera.“ Nachdenklich fischte sie mit der Zungenspitze einen Schokoladenkrümel aus dem Mundwinkel und meinte dann: „Glaub ich nicht. Schau dir doch mal an, was so in den Auslagen der Fotogeschäfte zu sehen ist. Das nennt sich alles Portrait, aber nur selten ist ein echtes Portrait dabei. Das sind Bilder von Gesichtern, die nichts über die zu den Gesichtern gehörenden Menschen verraten. Glamourbilder eben. Retuschiert, geglättet und weichgezeichnet. So wie gewünscht. Die meisten Leute wollen etwas, was im Wohnzimmer an der Wand hängen kann und ein schönes Bild ist.“
„Schönes Bild im eigentlichen Sinne oder schönes Bild, wie du es immer definierst?“ fragte er feixend. Sie grinste. „Schönes Bild, wie ich es definiere. Nichtsagend, ausdruckslos, einfach nur ein Abbild. Ohne Falten, ohne Pickel, ohne Runzeln, ohne Leben.“
„Das hab ich mir gedacht“ sagte er.
Sie schob die Gabel ein weiteres mal in die süße, schokoladige Masse des Kuchens und meinte „Menschen wollen sein wie Sachertorte. Süß, begehrenswert und bekannt. Und immer die Schokoladenseite im Vordergrund.“
„Und ein Portrait ist keine Sachertorte?“ fragte er.
„Nö,“ erwiderte sie. „Schau dir mal das Portrait Hemingways an, das Youssuf Karsh von ihm gemacht hat. Er hat bei diesem Bild herausgearbeitet, was Hemingway ausgemacht hat. Er hat sich dabei auf Hemingways Augen und seine Falten konzentriert. Man sieht in dem Gesicht Salz, Schmerz, Erfahrung, das hemmungslose Ausleben seiner Interessen und auch seine innere Zerrissenheit. Man sieht all das, was das Gesicht dieses Menschen geprägt hat. Oder schau dir Portraits von August Sander an. Dieser Konditor, der sich in Pose wirft, stolz auf seine Arbeit ist, ernst und bewusst in die Kamera schaut. Das sind Bilder, die viel über den abgebildeten Menschen erzählen, Bilder, die wichtige Facetten dieses Menschen für die Ewigkeit eingefangen haben. Wo findest du solche Bilder? Nicht in den Auslagen der Fotogeschäfte.“
„Aber Hemingway war ja auch eine eindrucksvolle Persönlichkeit“ dachte er laut. „Hm. Der Konditor aber auch, obwohl er keine Bücher geschrieben hat, obwohl er nicht mit exzessivem Leben auf sich aufmerksam gemacht hat. Und beide haben nicht gelacht auf den Bildern.“
„Richtig!“ Sagte sie. „Man muss nicht zwingend debil in eine Kamera grinsen, nur weil sie auf einen gerichtet ist. Auch, wenn die Fotografen das gerne herausfordern. Ernste Menschen zu fotografieren ist nämlich schwieriger.“
Er spielte nachdenklich mit seiner Espressotasse. „Wenn Menschen etwas zu lachen haben, dann tun sie das frei und unbefangen. Wenn man also lachende Bilder haben will, muss man die Menschen dazu bringen, dass sie frei und unbefangen lachen können? .“
Sie nickte. „Und um Menschen frei und unbefangen vor der Kamera zu haben, muss man eine Beziehung zu ihnen aufbauen. Das braucht Zeit. Der Fotograf mit Passbilderdienst und Ladengeschäft hat diese Zeit selten. Hätte er sie und würde er sie sich nehmen, dann wäre er ein guter Portraitfotograf, aber ein schlechter Geschäftsmann, denn die wenigsten Menschen wollen heute noch Bilder, auf denen man sie so sieht, wie sie tatsächlich sind. Es sind also nicht nur die Fotografen schuld daran, dass es so wenig gute Portraits gibt. Der Anspruch der Kunden ist „schönes Bild“ – die Forderung ist „machen sie mich attraktiv, retuschieren sie die Runzeln auf der Stirn“. Menschen haben früher selbstbewusst ihre Gesichter gezeigt. Sie waren stolz darauf, dass sie eine Persönlichkeit waren, dass auf den Bildern zu sehen war, wer sie sind und was sie geleistet haben. Heute herrscht die Angst vor, anders als andere zu sein. Die Menschen befürchten, dem gültigen Standard nicht zu entsprechen, einem herrschenden Schönheitsideal nicht zu genügen und dem Betrachter womöglich ein „Ach, auf dem Bild siehst Du aber alt aus“ zu entlocken.“ Sie sah sich suchend nach der Bedienung um. „Ich brauche dringend noch so einen Eisbecher! Mit Kirschen!“ Er lachte und fragte sie, nachdem sie ihren Wunscheisbecher bestellt hatte „Sag mal, kann man Glamourbilder mit Eiskrem vergleichen?“ „Ja klar! Wunderschön dekoriert, aber nur begrenzt haltbar – es schmilzt halt sehr schnell, nicht wahr?“

 

3 Kommentare zu “Portrait im Café (old stuff)

  1. ptokremin

    Im Prinzip ist Feedback ein Geschenk. Weil es die Eigenwahrnehmung (teilweise) mit einer Fremdwahrnehmung ergänzt. Dafür muss man es NUR annehmen können. Und eine Portrait ist ein starkes, manchmal schonungsloses Feedback…

    Übrigens könnte ich mich gar nicht entscheiden, welches Einzelbild dieser Serie DEN Charakter des Mannes zeigt. Spannender finde ich die Entwicklung, um nicht zu sagen die Verwandlung (und das ganz ohne Kafka). 🙂

  2. Wolfgang

    Warum fällt mir bei diesem Thema und Text bloß August Sander ein. Hier wurden Portraits zur gelebten Realität – ohne künstliches Lächeln – und zu 100 % auf sich selbst (und die Profession) zurückgeworfen.

    Zu den gezeigten Bildern: Wahrscheinlich ist auf jedem dieser Bilder der Mann er selbst – anfangs noch eher unbeobachtet/spontan, danach sehr (selbst)bewusst. Spannend!

    Und danke fürs neuerliche Einstellen!

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