Unauffällig und leise – die Zeiss Ikon Tengor Box

Kommen wir doch mal wieder auf die Fotografie 😉
Mein Herz schlägt ja nun schon länger für Boxkameras. Mich fasziniert die Einfachheit ihrer Konstruktion und der Charme der Bilder, die man mit diesen unscheinbaren Kisten machen kann, ist einfach herzerweichend schön. Eine meiner ersten „Boxen“ war die Zeiss Ikon Tengor Box 54/2 und ich gestehe, es ist immer noch meine liebste. Dabei steht sie schon lange nicht mehr alleine im Regal.

Schaetzeken

Technikgeschwätz über die Tengor Box

Da wir hier von einer sehr einfachen Kamera reden, nur ganz kurz und knapp.
Meine kleine Lieblingsbox ist eine Zeiss Ikon Tengor Box 54/2. Das ist eine Kastenkamera, die zwischen 1932 und 1939 hergestellt wurde. Zu ihrer Zeit war sie schon etwas Besonderes, denn im Gegensatz zu vielen ihrer Kolleginnen bestand ihr Körper nicht aus Pappe oder Holz, sondern aus stabilem Blech. Konnten die anderen Boxkameras meist nur mit einer Blende und einer fixen Entfernung aufwarten, so brachte die Tengor Box gleich drei Blenden (11, 16, 22) und drei Möglichkeiten der Entfernungseinstellung (1-2m, 2-8m, 8m-unendlich) mit. Die Verschlusszeit bewegt sich zwischen 1/25 und 1/30, genauer kann man dies nicht sagen, da die Verschlusszeit fest vorgegeben ist und jede Box eine gewisse Varianz hat. Geladen wird sie mit 120er Rollfilm  und bei einem Negativformat von 6x9cm reicht so ein Film für 8 Aufnahmen. Über das „Objektiv“ muss man nicht viele Worte verlieren – da gibt es nur eine einfache Meniske. Also so etwas wie ein Brillenglas. 😉

Boxkameras finden und lieben

Die Technik ist sehr einfach konstruiert und wenn eine solche Box auch nur einigermaßen trocken die letzten Jahrzehnte überstanden hat, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass sie immer noch tadellos funktioniert. Ein bisschen gesäubert, von dem muffigen Geruch befreit und den schwarzen Kunstlederbezug mit einem Tropfen Balistol aufpoliert, erstrahlt sie schnell wieder im alten Glanz. Auch über 75 Jahre nach ihrer Entstehung macht die Fotografie mit der Tengor-Box noch unglaublich viel Spaß. Deswegen lohnt es sich, auf Floh- und Trödelmärkten die Augen auf zu halten. Wichtig dabei ist, dass die Brilliantsucher noch einigermaßen klar sind. Zwar erlauben sie nur eine vage Vorstellung dessen, was später auf dem Negativ zu sehen sein könnte und man muss sich außerdem erst einmal an diese Art Sucher gewöhnen, aber mit ein bisschen Übung und Erfahrung weiß man recht schnell, was von dem Gesehenen auf dem Negativ landet und was nicht.

Fotografieren mit einer Boxkamera

Die Fotografie mit einer Boxkamera ist unauffällig und leise. Trägt man sie an ihrem Lederriemen fast schon wie ein Handtäschchen durch die Stadt, so wird man schnell bemerken, dass ältere Menschen erstaunt und manchmal fast schon sentimental reagieren, weil die Boxkamera in ihrer Jugend der Volksfotoapparat war und sie ihn deswegen natürlich erkennen. Jüngere Leute können mit dem schwarzen Kasten in der Hand des flanierenden Fotografen nichts anfangen und reagieren dementsprechend auch nicht, wenn man die Linse in ihre Richtung hält und auslöst. Wenn sie jedoch aufmerksam werden, entstehen oft sehr spannende Gespräche über Fotografie. Mit einer Boxkamera kommt man immer sehr leicht und sehr schnell ins Gespräch und damit bieten sich ungeahnte Möglichkeiten, wirklich tolle Bilder von Menschen einzufangen.

Tengorbox_Tri-X@50

„Mit dem Kasten kann man fotografieren? Da schmeiß ich mich doch gleich in Pose!“ – Junger Mann beim Grillen am Ölper See, festgehalten auf einem Kodak Tri-X gepullt auf 50 ISO

Wie fotografiert man mit einer Boxkamera?

Das ist eigentlich ganz einfach. man muss sich nur tatsächlich klar machen, dass man keine technisch ausgefeilten, knackscharfen Bilder bekommt.

Hat man ein solches Schätzchen in seinem Besitz, dann gewöhnt man sich am besten als erstes an die Sicht durch die Brilliantsucher. Dafür muss man auch noch keinen Film einlegen. Hält man den schwarzen Kasten hochkant, so bekommt man das Hochformat – kippt man ihn um 90° dann hat man das Querformat. Für beide Möglichkeiten gibt es ein Sucherfenster und es gilt, dem Auge beizubringen, etwas zu erkennen. Die Box hält man etwa in Hüfthöhe oder etwas höher und stabilisiert sie, indem man sie an den Körper drückt. Bei 1/25 Verschlusszeit ist Freihandfotografie eher eine Sache für geübte Boxfotografen. Für den Anfang sollte man sich die ersten Bilder nicht durch Verwackelungen kaputt machen und dann frustriert das Abenteuer Boxfotografie gleich wieder aufgeben. Als ersten Begleiter empfiehlt sich also ein leichtes Stativ – das Gewinde dafür ist vorhanden – hat man sich an die Leichtigkeit der Box gewöhnt, kann man es zu Hause lassen. Fotografiert man das erste Mal mit einer Tengor-Box, kann es passieren, dass einen das bisschen Technik ein klein wenig überfordert. Man ist heute doch ein ganz anderes Fotografieren gewohnt. An dieser Stelle muss man sich einfach klar machen, dass man am besten mit dem Weglassverfahren fotografiert. Belichtung muss man nicht, bzw. nur einmal messen, um herauszubekommen, mit wieviel Licht man umgehen muss. Die Tengor-Box bietet zwar die Möglichkeit, drei Blenden einzustellen, aber es reicht vollkommen, wenn man ungefähr weiß, dass der eingelegte Film und seine Empfindlichkeit mit dem Licht zusammen passen. Die Zeit von 1/25 kann man sowieso nicht verstellen und die heutigen Filme und Entwickler bieten ausreichend Spielraum, sollte man doch statt einer Blende 16 vielleicht eher die Blende 22 oder 11 eingestellt haben. Es ist sinnvoller, sich auf Bildausschnitt und Entfernungseinstellung zu konzentrieren als sich von Blendeneinstellung und Belichtungsmessung kirre machen zu lassen. Die Fotografie mit der ulkigen, schwarzen Schachtel soll ja Abenteuer sein, Spaß machen und Überraschungen ausspucken.

Tengor_Box

Tipps zum Umgang mit Boxkameras

Gegenlicht mögen die meisten Boxer nicht, die kleine Linse kann mit direktem Lichteinfall nicht gut umgehen. Als Entschädigung bieten diese Kastenkameras aber viele Möglichkeiten, mit der Perspektive zu spielen. Auf den Boden gelegt, nimmt sie ungewöhnliche Sichtweisen ebenso auf wie locker über den Kopf gehalten. Wer in dieser Richtung experimentieren will, besorgt sich am besten noch einen Drahtauslöser. Der Auslöser direkt an der Box ist für manche Verrenkungen dann doch etwas unglücklich angebracht. Da es keine Doppelbelichtungssperre gibt, muss man immer daran denken, nach jeder Aufnahme den Film bis zur nächsten Nummer weiter zu drehen. Es sei denn, man will sich in das spannende Feld der Doppel – und Mehrfachbelichtungen wagen. Selbstverständlich sind mit der Boxkamera auch Langzeitbelichtungen möglich.

Tengorbox_Tri-X@100

Gibt es dafür noch Film?

Aber sicher!

Man kann die Tengor-Box mit fast jedem handelsüblichen 120er Rollfilm beladen und dabei mit verhältnismäßig guten Bildern rechnen. Für Diafilme, die eine ausgesprochen exakte Belichtungsmessung erfordern, ist die Box sicher nicht das richtige Werkzeug. Und wenn man darüber nachdenkt, dass sie aus einer Zeit stammt, in denen Fotografen von den heute möglichen Film-Empfindlichkeiten nur träumen konnten, sollte man eine Beladung mit Filmen, deren ISO mehr als 400 ausweisen eher als echtes Experiment betrachten. Bis 1937 wurde die Tengor-Box ohne verschließbares Rückfenster gebaut – legt man also einen Film mit einer ISO 800 oder gar ISO 1600 ein, kann es durchaus zu ungewollten Belichtungen durch das rote Fensterchen an der Rückseite der Box kommen. Äußerst dankbar zeigt sich die alte Dame, wenn man sie mit ISO 50 oder 25 füttert. Sie revanchiert sich mit wunderbaren Grautönen in einer Fülle von Abstufungen. Aber auch ein kontraststarker Film mit ISO 400 zaubert ungewöhnliche Boxbilder. Da man heute viele Filme wunderbar pushen und pullen kann, steht der Experimentierfreude an dieser Stelle wirklich nichts mehr im Wege.

 

Werbeeinblendung

Aus einem Prospekt von 1933

„Hat in einer Zeit, in der man dauernd bemüht ist, die Kamera so flach und klein wie möglich zu machen, eine Kastenkamera überhaupt eine Daseinsberechtigung? Ganz gewiß, denn sie ist vor allem billig und sehr leicht zu handhaben“

Und den Film für die Boxfotografie kauft man am Besten bei Spürsinn. 🙂

Tengorbox_Tri-X@50

 

 

6 Kommentare zu “Unauffällig und leise – die Zeiss Ikon Tengor Box

  1. Pingback: Rummel mit der Zeiss Ikon Baldur-Box • Tilla Pe

  2. Chris

    Danke für den coolen Artikel, hab direkt Bock meine Box an den Start zu bringen 😀 werde mein Baby heute mal entstauben und mit Film beladen und dann mitnehmen. THX <3

  3. ptokremin

    Ok, das ist mal Minimalismus. Dagegen ist meine kleine Technika ja geradezu High-Tech.

    Interessant, wie Menschen auf so eine Box reagieren. Macht es eigentlich einen Unterschied, wenn du ein Stativ verwendest?

  4. Julia

    Vielen, vielen Dank für diesen Artikel! Eine Freundin einer Oma hatte mir vor Jahren einmal vier alte Kameras geschenkt darunter auch eine Box. Sie stand bisher nur als Deko in meinem Regal und mir war gar nicht bewusst wie viel ich damit noch anstellen kann!!

    Und das obwohl ich alte Kameras und Fotos aus alten Kameras liebe (meine ganze Wohnung ist voll mit Fotos meines Urgroßvaters – der war auch schon fotografiebegeistert!)

    Also vielen Dank und ich werde mir mein Schätzchen gleich einmal vornehmen!

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