Bilder für Millionen
Wie ist das eigentlich mit der Fotografie, dem Ruhm, der Ehre und den Millionen?
Ich betrachte die Anstrengungen derer, die eine Kamera ihr eigen nennen in den letzten Jahren mit einem lachenden und einem weinenden Auge.
Das Auge lacht, wenn ich sehe, wie einige wenige Menschen versuchen, mit Hilfe eines Fotoapparates das einzufangen, was um sie herum geschieht und sie bewegt. Die Ergebnisse sind sehenswert. Sehenswert, weil die Bilder erkennen lassen, dass da jemand seine Emotionen, seine “Landschaft” des täglichen Lebens, seine Lieben und seine An-Sichten versucht einzufangen. Dafür bedarf es keines großartigen Wissens um Technik – ein gutes Auge und die Fähigkeit “auf den Punkt zu kommen” reichen aus, um ein Bild zu machen, das den aufmerksamen Betrachter fesselt.
Das Auge lacht, wenn ich die Entwicklungen derer verfolge, die versuchen die Bilder umzusetzen, die in ihren Köpfen schlummern. Inszenierte Fotografie ist auch immer ein bisschen Selbstentblößung vor der betrachtenden Menge. Wer den Mut hat, seine “Traumbilder” umzusetzen und zu zeigen, verdient Respekt. Wer frustriert darüber, dass die Ergebnisse nicht das Bild im Kopf zeigen, anfängt, sich mit seinen Möglichkeiten und dem Technikgedöns auseinanderzusetzen, verdient meine Achtung. Wer loszieht und wissbegierig anderen Löcher in den Bauch fragt, entsprechende Bücher liest und aus seinen Rückschlägen lernt, der ist auf dem besten Weg, ein Fotograf zu werden. Und wer dann noch einsieht, dass ein Fotograf niemals aufhört zu verzweifeln, zu lernen und nach dem einen Bild zu suchen, der hat sogar meine Hochachtung.
Das Auge weint jedoch, wenn ich die Massen an nachgestelltem, automatisierten, abgekupferten und meist schlecht ausgeführten Bildern sehe, die versuchen mein Auge zu beleidigen und zu überfluten. Das ist allerdings keine neue Entwicklung, die gab es bereits in den 30iger Jahren.
Mein Auge weint, wenn ich lesen muss, dass man nur mit dieser und jener Ausrüstung diese und jene (natürlich bejubelnswerten) Fotos machen kann.
Mein Auge weint, wenn es Behauptungen liest, die sagen, dass jeder nachmachen kann und soll, dabei diese und jene technischen Werte zu setzen hat, dieses und jenes Buch zu lesen und diesen und jenen Workshop zu besuchen hat und dann ganz schnell reich und berühmt wird.
Gute Fotografie kommt von innen. Nicht aus Büchern, nicht mit der Hilfe einer Bildbearbeitungssoftware, nicht aus einer Kamera. Sie kommt aus der Seele, entsteht aus Leidenschaft und Liebe und wächst mit den Träumen von Bildern, Bildern, Bildern.
Und was war jetzt mit dem Ruhm, der Ehre und den Millionen?
An dieser Stelle möchte ich auf einen älteren Artikel in der Zeit verweisen. Nehmt Euch die Zeit, die sechs Seiten ganz zu lesen.
Nachtrag: Eben habe ich gesehen, dass Michael K. Trout unabhängig von mir auch einen kleinen Senf zum Thema im weitesten Sinne veröffentlicht hat
Tags: Fotografen, Fotografie, gute Fotografie, Kunst, Photographie

06. Januar 2010 at 11:29
Amen. Und das mit wesentlich weniger Fotografier-Erfahrung als Du.
Ich hab schon unscharfe, bei total beschissenem Licht aufgenommene Einweg-Kamera-Schnappschüsse gesehen, die mich über Tage innerlich begleitet haben…
06. Januar 2010 at 11:38
Vielleicht als Ergänzung: Mein Auge weint regelmäßig insbesondere dann, wenn zusätzlich zu den abgekupferten, überschärften, automatisierten, schon im Thumbnail knalligen Postkartenbildchen auch noch stolz die amtliche Canikon-Mega-Super-L-Doppelplus-Vollformat-NurDasNeuesteVomNeuste-Extralang-Equipmentliste gepostet wird…
06. Januar 2010 at 11:44
So ein Unfug.
Man muss sich nur an meine ultimativen Fototipps:
http://www.dieolsenban.de/blog/category/badphotography/
halten.
Dann wird jedes Bild zum emotionalen Dauerbrenner!
(-;
06. Januar 2010 at 12:05
ich hatte erst michaels beitrag und jetzt deinen gelesen … beide sichtweisen gefallen mir sehr gut … die kernaussage ist dieselbe. wunderbar … ich bin einfach nur froh, den spürsinnkreis entdeckt zu haben, mich daran infiziert zu haben und nicht zur schutzimpfung gegangen zu sein …
06. Januar 2010 at 12:12
“Gute Fotografie kommt von innen. Nicht aus Büchern, nicht mit der Hilfe einer Bildbearbeitungssoftware, nicht aus einer Kamera. Sie kommt aus der Seele, entsteht aus Leidenschaft und Liebe und wächst mit den Träumen von Bildern, Bildern, Bildern.”
dafür liebe ich Dich… ! ein Satz wie aus meinem Herzen …
06. Januar 2010 at 12:24
“Gute Fotografie kommt von innen.” Mehr ist dazu nicht zu sagen!
06. Januar 2010 at 13:53
*knuutsch*
06. Januar 2010 at 14:47
Für mich sind hier zwei getrennt zu sehende Themen enthalten: Einerseits der Status der Fotografie im (kommerziellen) Kunstmarkt und andererseits die Techniklastigkeit zu Ungunsten des “Geschichte erzählen” gerade von Amateuren.
Das erste Thema behandelt der verlinkte Zeit-Artikel sicher sehr tiefgehend.
Und bezüglich des zweiten Themas muss ich sagen: na und. Ist halt so, dass man jedes iPhone für drei Euro zu einer “Holga” machen kann. Klar, daraus entsteht keine Kunst (obgleich hier auch kein im mathematischen Sinne “hinreichender” Zusammenhang besteht).
Ist ein Foto denn wertvoller, wenn man sich durch Einsatz veralteter Technik möglichst viele Hürden aufbaut? Führt das nicht gerade dazu, dass man sich mehr mit der (veralteten) Technik befassen muss, statt mit dem Einfangen einer Situation? Für mich persönlich geht die fast religiöse Verbrämung der Analogfotografie in eine ähnlich falsche Richtung, wie die Konzentration auf Megapixel und “L”-Schnickschnack.
Wo berühren sich diese beiden Themen vielleicht? Vermutlich dort, wo ein Fotokünstler sich durch den Foto-”Müll” irgendwie in seinen Kreisen gestört fühlt. Aber wie auch der Zeit-Artikel sagt: Freier Markt! Der echte Künstler hat sich gefälligst z.B. die Ausdrucksstärke seiner Bilder abzuheben. (Und nicht nur durch seinen Namen!!)
Viele Grüße nach Hessen
Thomas
06. Januar 2010 at 15:15
Hoppla, Thomas
Ich weiß nicht, was Du in meine Zeilen hineinzuinterpretieren versuchst und warum, aber ich habe an keiner Stelle mit der Analogfahne oder der Kunstfahne gewedelt, oder?
Ich habe schlicht und ergreifend meine ganz persönliche Sichtweise geschildert.
Und dass aus einer iPhone-Holga-App keine Kunst enstehen kann, das musst Du mir erst beweisen. Genau so wie die Tausenden von Holgaknipsern, die immer noch nicht begriffen haben, dass es nicht die Kamera ist, die das Bild macht
06. Januar 2010 at 15:20
[...] an alles was sich im Fotobereich so tummelt. Siehe etwa George Barrs Is Crap still crap , Tilla Pes Bilder für Millionen oder auch Michael K. Trouts Wahrheit über Vampire. Das Auge weint jedoch, wenn ich die [...]
06. Januar 2010 at 15:40
Hi Tila,
zugegebenermaßen ist in meine Reaktion etwas zusätzlicher Background eingeflossen. Dank Twitter&Co (unter anderem auch das merkwürdige Geplänkel gestern Abend) bastelt man sich so seine Sicht zusammen – was natürlich nicht der Realität entsprechen muss. Vielleicht habe ich in Deinen Post zu sehr die “Ich mache Kunst – analoge Fotos sind mehr Kunst als digitale - technikorientierte Fotografie führt häufig zu Müll” – Haltung hineininterpretiert. Und wollte eine Lanze für all die technikverliebten Amateure brechen, deren Absicht es vermutlich nicht ist, Dein Auge zum Weinen zu bringen.
Einem Credo “Die Aussage macht das Bild” kann sicher zustimmen, v.a. in Zusammenhang mit Personenbildern. Einer brillianten Landschaftsaufnahme ohne eigene Geschichte kann ich persönlich aber auch etwas abgewinnen. Aber vielleicht steckt ja dann doch eine Geschichte drin, nämlich die eigene Perspektive auf diese Landschaft?
Zur “Holga aus dem iPhone”: Ich meinte, dass daraus nicht “automatisch” Kunst entsteht. Aber möglicherweise auch Kunst entstehen kann. Aber sicher nicht dadurch, dass es in den Rändern unschärfer wird
Ich erfreue mich weiterhin an manchen deiner Bilder. Ich bleibe weiterhin skeptisch bezüglich anderer Vertreter Deines Portfolios. Und der sehr analog fokussierten Einstellung. Aber das ist für mich auch eine Eigenschaft von Kunst: Es gefällt nicht alles allen gleichermaßen.
In diesem Sinne
VG aus Mannheim
Thomas
06. Januar 2010 at 17:47
Ach Thomas, wenn man so leidenschaftlich analog fotografiert wie ich, dann wird einem oft das Mäntelchen “die ist arrogant und hochnäsig und total veraltet und findet digital ganz schlimm und verachtenswert” umgehängt. Ich habe gelernt, damit zu leben
Seltsamerweise können nur die mit mir zusammen frotzeln und lachen, die die Fotografie so wie ich verstehen (auch wieder die meisten mit digitaler Technik unterwegs), alle anderen fühlen sich auf den Schlips getreten und sich in ihrer technikverliebten Ehre bekleckert. Auch damit kann ich leben. Denn wie Du schon richtig sagtest: “Es gefällt nicht alles allen gleichermaßen” – nd das ist auch sehr gut so.
Twitter ist, ganz besonders wenn man sich nicht die Mühe macht, mal eine Timeline komplexer zu erfassen, immer nur ein Puzzlestück einer Momentaufnahme.
Und ich gebe zu, ich frotzel unheimlich gern über andere Fotografen, meist fotografieren sie eben digital
06. Januar 2010 at 19:55
Hallo Tilla,
ich gehöre auch zu den seltsamen Gestalten, die der digitalen Fototechnik nur begrenzt Reize abgewinnen können.
Die analoge Photographie ist wie Harley fahren.
06. Januar 2010 at 20:45
Und genau das, Michael, sehe ich anders!
Analog ist nicht “besonders” oder “Harley” – es ist eine Art zu fotografieren, nicht mehr und nicht weniger. Und alles, was ich in dem Artikel gesagt habe, bezieht sich auf die Fotografie als solches.
Ich weine bei allen Bildern, die zum Heulen sind, dabei ist es mir völlig schnuppe, ob sie mit einer Holga, einer Hasselblad, einem iPhone oder der neuesten digitalen Canon aufgenommen wurde.
07. Januar 2010 at 20:37
Danke Tilla! Dieser Beitrag ist Balsam für die Augen und die Seele!
07. Januar 2010 at 22:13
Hallo Tilla,
eine schöner Beitrag mit viel Substanz und einer wichtigen Anschlussdiskussion. Danke!
Ulli
09. Januar 2010 at 02:11
Ich möchte eine kleine Geschichte erzählen.
Vor einigen Tagen sah ich in einem Blog einer Fotografin ein Bild, das mich an meine Kindheit erinnerte und ich fagte die Dame via Mail, ob ich mir von diesem Bild einen Screenshot machen dürfte.
Ich erhielt die Erlaubnis.
In der nachfolgenden Nacht konnte ich nicht einschlafen, dachte an früher zurück, an diesen Platz, den die Fotografin festhielt.
Ich sah mich wieder als kleines Kind dort und später selbst als Mutter, die ihr Kind dorthin an den Ort führte. Mein Inneres stieg die Stiegen nach oben, drehte sich noch einmal um die eigene Achse und sah in die Kuppel, Finger spielten nochmals mit dem Wasser des riesigen Beckens.
Mein Inneres sah nochmal das Fangenspielen mit der eigenen Tochter rund um die alten Bäume und von weitem hörten meine Ohren den Bus unten auf der Strasse fahren.
Dieses Bild war so fotografiert, als ob meine Person hinter diesem Baum stand und sein früheres Leben nochmals erleben durfte. Eine Zeitreise.
Wenn der Betrachter mit ins Bild einsteigen darf, vom Fotografen eingeladen wird auf seine ureigene Reise, dann….
dann ist es Fotografie!!
Die besagte Fotografin war in dieser Nacht mehr, als “nur” Fotografin. Sie war Psychologin. Für einen ihr fremden Menschen. (Und bitte, das ist unbezahlbar!)
Wenn Bilder vom wem “leben”, dann fühlt es der Betrachter. Es enteht eine innere Nähe und das können die wenigsten Fotografen transportieren.
Deine Bilder, Tilla, leben…!!
15. Januar 2010 at 11:00
Du sagst es! Man spürt einem Bild an, ob Auge, Herz und Hand im Einklang waren. Und genau diese Bilder sind es wert, vielleicht mit einer kleinen Träne, vielleicht mit einem bedauernden Lächeln die anderen zu ‘übersehen’