Es ist nicht der Pinsel, der das Bild malt!
Dienstag, 26. Oktober 2010Ich könnte den Artikel auch “Fotografie” nennen, aber dann ist die Überschrift ja langweilig.
Jetzt höre ich Euch schon leise aufstöhnen “Nicht wieder die ollen Kamellen!” – sorry, es muss sein.
Dies hier ist mein privater Blog, den ich unter anderem dafür nutze, mir das ein oder andere Ärgernis oder auch die ein oder andere Erkenntnis von der Seele zu schreiben.
Ich denke mal, wir sind uns alle einig – nicht eine Kamera macht das Bild, sie ist nur ein Werkzeug. Das Bild macht der Mensch, der das Werkzeug bedient.
Ich persönlich kann mit analogen Kameras besser umgehen als mit digitalen. Analoge Werkzeuge sind die Werkzeuge meiner Wahl. Ich kann auch besser mit meiner alten, kleinen, gelben Neckerfreund-Bohrmaschine Löcher in Wände bohren als mit einem Monsterbohrhammer. Isso. Und ist auch gut so. Denn mir kommt es auf das Ergebnis an. Und ich mag die Löcher, die meine kleine, gelbe… na, ihr wisst schon. Ich versuche jetzt mal die Kurve zur Fotografie zu bekommen.
Drei Dinge haben mich angetriggert.
Der Stilpirat fragt, ob man Fotografie lernen kann. Ich könnte kurz und knapp jetzt auf seinem Blog mit einem “Ja” kommentieren. Als ich seinen Artikel jedoch heute morgen las, hat das einen Schwall an Empfindungen bei mir ausgelöst.
Man kann Fotografie lernen.
Zum einen als Handwerk. Dafür benötigt man keinen Zugang zu Kunst oder Ästhetik. Auch kein Talent.
Ähnlich wie ein Tischler, der lernt, einen Stuhl zu bauen. Ein Stuhl ist zweckmäßig, er muss nicht schön sein, er muss sich verkaufen, damit der Tischler leben kann.
Ein Stuhl muss nicht, kann aber schön, ästhetisch, künstlerisch gestaltet sein. Ein Foto ebenso. ![]()
Wenn also jemand einen wunderschönen Stuhl bauen kann, muss er dafür den Beruf des Tischlers erlernt haben? Oder reicht es, wenn er sich die handwerklichen Fähigkeiten auf sein Talent draufsattelt? Und ist es nicht empfehlenswert, seine Fähigkeiten immer weiter auszubauen, damit er unterschiedliche Stühle schaffen kann?
Im Gegenzug: Muss ein Tischler Talent für schöne Stühle haben um ein zweckmäßiges Sitzmöbel zu bauen? Oder reicht da die handwerkliche Fähigkeit?
Schlussfolgerung meinerseits: Es gibt viele Möglichkeiten, unterschiedlichste Stühle zu bauen. Das Ergebnis zählt.
Martin macht sich (visuelle) Gedanken über den Schritt zur analogen Kamera. In den Kommentaren fällt der Begriff “Kind des digitalen Zeitalters”. Da habe ich kurz kommentiert – aber der Begriff hat mich angetriggert.
Analog rockt. Klar
Es ist so schön Retro und man wird auch immer darauf angesprochen, wenn man mit einem Schätzchen ohne Display unterwegs ist. Ich bin die letzte, die da Einspruch erhebt ![]()
Was ich superklasse finde, ist die Überlegung, die bei Martin hinter seinem Wunsch nach einer analogen Messsucherkamera steht. Er weiß, was er damit machen will und sucht das Werkzeug nach seinem Bedürfnis und seinem Geldbeutel aus. Die “Kinder des digitalen Zeitalters” machen übrigens 80% unserer Kunden bei Spürsinn aus. Die wenigsten wollen aus einer Modeerscheinung heraus analog fotografieren. Immer wieder haben wir Menschen am Telefon, die ganz genau wissen, was sie als Ergebnis haben wollen und dann bei uns nach fragen, wie sie dieses Ergebnis mit welchem Material am besten erreichen können. Da wird munter zwischen digitalem Boliden und Boxkamera, zwischen Ostzicke und Handyknipse hin und her geswitcht. Eine Sache, die mir unwahrscheinlich viel Spaß macht.
Am Wochenende war ich mit Spürsinn auf dem FotoForum Festival in Münster. Wir waren mit dem Stand in einer Ecke mit anderen analog gewichteten Ausstellern untergebracht, räumlich getrennt durch einen langen, sehr langen Gang von allen anderen Ausstellern. Ich hatte ein bisschen das beklemmende Gefühl von “Sippenhaft”. Es hat mich traurig gemacht, dass so wenig Menschen die Chancen einer Vermischung von Werkzeugen und Techniken erkennen. Fotografie sollte nicht in Lagern statt finden, sondern Fotografierende sollten sich gegenseitig befruchten, anregen, helfen. Ein bisschen Schandmaul hier und da gehört dazu
Und das gibt es auch in anderen Bereichen:
Was ist der Unterschied zwischen einem Tischler, einem Zimmermann und einem Maurer?
Der Tischler arbeitet auf den Millimeter genau.
Der Zimmermann auf den Zentimeter.
Und der Maurer muss aufpassen, dass er auf dem Grundstück bleibt.
Und das nächste Mal gibt es wieder Witze über Digitalfotografen, die irgendwas an der Kamera bekleben. Versprochen
