Für das Wochenende steht Fotografie auf dem Plan. Es gilt, einen neuen Entwickler zu testen. Die Suppe bringt grobes Korn wo sonst kein grobes Korn zu finden ist. Ich will Bilder machen. Bilder, zu denen grobes Korn als Stilmittel passt, Bilder wie ich sie früher, als die Filme noch nicht mit Kornhemmer ausgestattet waren, machen konnte. Und ich will fotografieren. Endlich wieder das fotografieren was ich am liebsten fotografiere. Menschen. Gerne halbnackt oder ganz nackt. Oder erotisch. Oder alles zusammen. Das ist nämlich mein liebstes Sujet. Und die Bilder in meinem Kopf passen hervorragend mit grobem Korn zusammen. Das Konzept steht. Das passende Modell fehlt noch.
Verflixt.
Natürlich fallen mir auf Anhieb zwei, drei Modelle ein, mit denen ich gerne gearbeitet habe. Allerdings sind die weit weg und der Job ist kurzfristig angesetzt. Auch hätte ich gern wieder mal jemanden vor der Kamera, der für mich neu, frisch und unverbraucht ist. (Einschub für die klassischen Beschützer der Witwen, Waisen und Modelle: Nein, das ist jetzt nicht abfällig gegenüber den anderen Modellen gemeint.) Na, es kann ja nicht so schwer sein…
Ich begab mich also auf Modellsuche. Guggel ist mein Freund und alles wird gut. Lang hat es nicht gedauert und ich bin bei den einschlägigen Karteien für Modelle und Fotografen gelandet. Bisher habe ich sie ja immer gemieden wie der Teufel das Weihwasser, denn ich habe weder die Lust noch die Zeit um in Art einer Schleimspur Kommentare abzugeben, auf denen mir die willigen Modelle direkt in die Arme rutschen. Und wie ich von Kollegen hörte, ist das ja Pflicht bei diesen Karteien, sonst kann man sich das Fotograf sein gleich mal abschminken. Wie ich sehr schnell feststellen musste, ist aber nur Mitgliedern dieser Vereinigungen eine Kontaktaufnahme zu den Grazien möglich, also habe ich mich flugs mal bei einer der größten Kartei angemeldet. Versucht anzumelden. Äh. Beworben.
Richtig, man verlangte von mir eine Bewerbung. In dieser sollte ich neben meinen Kontaktdaten meine Präferenzen, meinen Lebenslauf, meine Referenzen, meine Arbeitsgebiete, meine Schuhgröße und mindestens 8 meiner Bilder packen. Man würde dann darüber entscheiden, ob meine Sedcard (so nennt sich das dann) frei geschaltet würde. Vorher könne ich weder im Forum lesen (was mir ausnehmend gut zur Prüfung des Angebots gefallen hätte) noch andere Aktivitäten starten. Nun gut. Zähneknirschend begab ich mich daran, Gewünschtes zusammenzutippseln und hochzuladen. Nach vollbrachter Abgabe meiner Bewerbungsunterlagen habe ich dann schon mal hier und da geschaut und geguckt. Mit jeder Model-Sedcard wurde mein Wunsch, in die erlauchte Runde aufgenommen zu werden, kleiner. Nach einer Stunde litt ich unter akutem Mausi-Alarm.
Erklärbäreinschub:
„Mausis“ sind Modelle weiblichen Geschlechts, die aufgrund der Tatsache, dass sie eben diesem Geschlecht angehören und bereit sind, gegen überzogenes Honorar ihren bekleideten Popo („Akt-Anfrage zwecklos!“ – „Keine Titten für Knipser“), der Meinung sind, alles von einem Fotografen fordern zu können. Damit wir uns recht verstehen. „Mausis“ haben oft und gerne 4 (in Worten: vier, denn mehr wird nicht verlangt) schlechte Handyknipsbilder vor dem Badezimmerspiegel in ihrer Sedcard, verlangen Honorar & Spesen, verlangen Rohdaten, die sie selbst bearbeiten möchten, verlangen bearbeitete Bilder, verlangen Mitsprache bei der Nutzung der Bilder, verlangen einen Vertrag, in dem genau dies manifestiert ist, bringen einen Begleiter mit, der erfahrungsgemäß das ganze Shooting schmeißt, entweder aus Eifersucht, übermäßigem Mitteilungsdrang oder weil er selber mitknipsen will, im besten Fall frisst er einem nur alle Kekse weg.
Ich suchte ein passendes, weibliches Modell für einen bezahlten Fotojob. Teilaktwilligkeit hätte ja schon gereicht. Ich fand:
- Viele schlechte Bilder von vielen schlechten Fotografen mit vielen, entzückten Lobhudeleien und Kommentaren zum Bild und zur Oberweite des Modells.
- Viele Nacktheiten, die auf ihrer Sedcard vermerkt hatten, dass sie weder für Akt noch für Teilakt, weder in Dessous noch in Bademoden zur Verfügung stehen.
- Viele, bereits in der Sedcard vermerkte und gleich mal in Großbuchstaben ausgedrückte, Angriffe auf fotografierendes Volk, die ich hier nicht wiedergeben möchte. Wegen des Niveaus.
- Die Großbuchstaben gehen übrigens gerne Hand in Hand mit den bereits erwähnten Handyknipsbildern.
- Viele unterschiedliche Portraits mit einer durchgehend unglaublich homogen Ausdruckskraft.
Außerdem eine Frau und zwei Männer, die in meine Vorstellungswelt passten. Sie waren auch so schlau und haben in ihr Profil eine E-Mail-Adresse zwecks Kontaktaufnahme geschrieben. Nachdem ich wohlformulierte Mails in diese Richtung versandt hatte, bekam ich auch Nachricht von der Freischaltungsstelle. Ich müsse meine Sedcard verbessern.
Man wollte:
- mehr Fotos (ich hatte zwei Fotos mit dem selben Modell eingeschickt)
- eine Verifizierung (man muss eigentlich nicht, aber von mir wurde es verlangt)
- mehr Fotos (denn eines wurde gesperrt, weil ein Hund als Requisit zu sehen war)
- Referenzen (man fand nicht gut, dass ich schrieb, Referenzen müsse nur der angeben, der einen gewissen Bekanntheitsgrad noch nicht erreicht habe. Man wollte mich doch bekannt machen und da wäre es unheimlich wichtig, Referenzen anzugeben)
Ich antwortete:
- hab ich, aber will ich nicht
- kann ich, aber will ich nicht
- hab ich, aber rück ich nicht raus
- nö
und ergänzte um „Bitte alles wieder löschen. Auch die Fotos, die ich bereits hochgeladen habe.“
Muss ich außerdem noch erwähnen, dass die Dame und die Herren, die in ihrer Sedcard versprachen, sofort zu reagieren und die definitiv online waren als ich sie anschrieb, bisher keine Rückmeldung gaben? Ich hätte vielleicht doch angeben sollen, dass ich natürlich zusätzlich zum Honorar noch je nach Bedarf und Wunsch ein „Elfenshooting“ oder eins mit Schlangen oder Kätzchen mache?
Nachtrag: Soeben hat einer von den beiden Herren nett abgesagt. Na also! Geht doch!
Noch ein Nachtrag – ich meine, es wäre ja blöd, dieses Pamphlet nicht mit einem Aufruf zu verbinden 
Wer am Wochenende Zeit hat, sich mehr oder weniger bekleidet (weniger wäre mehr, aber wir werden uns schon einig) vor meine und die Kamera von Michael K. Trout zu werfen, der möge sich mit Angabe von Honorarvorstellungen und einer kleinen Selbstbeschreibung, gerne mit Bild, bei mir melden. Da wir gewisse Vorstellungen haben, bitte nicht böse sein, wenn eine Absage erteilt wird. E-Mail ist ganz einfach: tilla.pe[ät]gmx.de