65

Vorgestern kam ein älterer Herr zu uns in den Laden, Er kommt öfter mal vorbei um einen Schnack zu halten, ein bisschen zu fachsimpeln und vor allem, um über Kameras und alte Zeiten zu reden. Er hat nämlich damals bei Rollei bzw. Franke & Heidecke gearbeitet. Ich glaube fast, er hat auch da gelernt. Jedenfalls kam er gestern am späten Nachmittag vorbei, unter dem Arm eine dicke Liste mit Seriennummern, Baujahren und anderen Kennzeichen zweiäugiger Kameras aus dem Hause Rollei. „Ich wollte Sie mal nachschauen lassen, wann Ihre Rolleiflex gebaut wurde“ sagte er. Die Liste war noch auf einem Matrizendrucker vervielfältigt worden (das sind diese blauschriftigen Stinkeblätter, die es in den 1970ern immer in der Schule gab) und ich hätte sie zu gerne kopiert, traute mich aber nicht, zu fragen. Jedenfalls war ich immer der Meinung, dass meine Lieblingskamera in den 1950er Jahren Braunschweigs Licht erblickte – seit vorgestern nun weiß ich, dass sie schon 1949 „geboren“ wurde. Hach.

Nachdem der Herr mit feinsinnigem Lächeln und seiner Liste unter dem Arm wieder verschwand, überlegte ich, wann ich die alte Dame, die ja nun erwiesenermaßen stolze 65 Jahre auf dem Objektiv hat, das letzte Mal so richtig im Einsatz hatte. Ähm… Schublade auf, gekramt, Film gefunden. Oh je – ich erinnerte mich, das war dieser fatale Film, bei dem ich mich komplett in der Belichtung verhauen hatte, irgendeinen Mist gemessen, aber ich wusste nicht mehr, was für einen Mist. Es klebte ein Zettel dran mit Entwicklungszeiten, die für den HCD-2 möglich sein könnten, wenn ich mich denn recht an die Situation und die Messung zurückerinnern würde….. deswegen wurde der Film bis jetzt nicht entwickelt. Ich habe mich schlicht nicht getraut. Nun wird ein Film, auch wenn er komplett fehlbelichtet ist, nicht besser, wenn man ihn in der Schublade ablagert. Weiß ich. Deswegen habe ich kurz die Situation damals Revue passieren lassen, mich innerlich von den Bildern verabschiedet – und den Film Michael in die Hand gedrückt, damit er den neuen Entwickler auf Tri-X Rollfilm ISO/ASA ähm testen kann. Irgendwas um die 1600 wird es schon gewesen sein. Vielleicht.

Und es waren Bilder drauf 🙂

 

Im Nachgang betrachtet ISO/ASA 2000 – das hatte ich auch noch nie.

 

6 Kommentare zu “65

  1. Susanne

    Liebe Tilla,

    auch wenn ich wenig mit Euren Kürzeln anfangen kann: verhauen sieht doch anders aus! Schöööön sind die Bilder!
    Lieben Dank fürs Teilen 🙂 – und was für eine tolle Geschichte dazu.

    Liebe Grüße
    Susanne

  2. mikel

    Kaskaden tüllen
    Blicke im Schatten
    Gelenke schultern
    warten auf Hände
    Kleine Rippen
    brüsten sich
    Mein Lächeln
    bricht an deinen
    Augen ernst
    Engen halsen

  3. ptokremin

    Hui, für nen TriX bei ISO 2000 ist das ja fast schon kuschelweiches Korn. Passt sehr gut, finde ich.

    Falls die Negative auch nur halb so gut sind wie die Scans, war die Belichtung – im nachhinein (!) – doch gar nicht mal schlecht geschätzt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.