Der unbekannte Fotograf (Teil 1)

Ihr merkt es schon an der Überschrift – hier kommt eine Fortsetzungsgeschichte. Fortsetzungsgeschichte deshalb, weil ich noch nicht weiß, wo ich, wo wir dabei landen werden.

Die Geschichte beginnt vor etlichen Jahren in Darmstadt, irgendwann im Frühjahr, als wieder Flohmarkt auf dem Karolinenplatz war. Dieser Flohmarkt findet zweimal im Jahr statt und ist für Flohmarktgänger wie mich ein echtes Event. Es gibt wenig, was man dort nicht findet. Es ist jetzt bestimmt schon sechs oder sieben Jahre her, da fand ich auf besagtem Flohmarkt ein kleines Ledermäppchen mit dem Kodak-Schriftzug. Der Verkäufer konnte mir nicht sagen, wo er es her hatte und ich bekam es nach ein bisschen Gehandel für kleines Geld.

Kodak_Negative_webDas Ledermäppchen war randvoll gestopft mit alten Negativen. Auf den ersten und zweiten Blick erschienen sie mir teilweise schwarz, teilweise ausgeblichen. Da sie nicht in den dafür gedachten Hüllen steckten sondern als loser Stapel hineingequetscht waren, schenkte ich ihnen keine weitere Beachtung. Erst zu Hause nahm ich den Stapel in die Hand und fand viel Verklebtes, Verschmutztes und Beschädigtes. So ist das eben mit Flohmarktschnäppchen und ich war ursprünglich ja sowieso nur scharf auf das Ledermäppchen.

 

 

Kodak_Negative_web02 Da ich nicht wusste, aus welchem Material die Negative sind, habe ich sie sicherheitshalber in eine alte Keksdose verbannt. Es könnte ja sein, dass sie aus Zelluloid sind und da besteht die Gefahr der Selbstentzündung.
In der Keksdose wurden sie ein bisschen vergessen und haben dann geschlummert, bis ich nach Braunschweig gezogen bin. Beim Kisten auspacken und verräumen fielen sie mir dann wieder in die Hände und wie es so ist, wenn man ungeliebte Tätigkeiten zu erledigen hat, nimmt man jede Chance wahr, diese vor sich herzuschieben. So auch ich. So saß ich dann zwischen viel zu vielen Umzugskartons, eine Keksdose zwischen den Knien und versank in einer anderen Zeit. So schwarz, verklebt, beschädigt und ausgeblichen waren die kleinen Schätze nämlich plötzlich gar nicht. Sie sind nur alt. Mein Auge, gewöhnt an die heutigen Materialien, die gut durchzeichnet und gut betrachtbar daherkommen, hatte keine Zeit gehabt, sich auf diese alten Dinger einzulassen. Plötzlich erkannte ich Einzelheiten auf den Negativen. Der unbekannte Fotograf hatte einen fatalen Hang zu Landschaften, vorzugsweise Bergen (wer mich kennt, weiß, dass ich Bergen so gar nichts abgewinnen kann) und zu Bauwerken. Ich meinte, auf dem ein oder anderen Negativ auch die ein oder andere Person erkennen zu können. Spannend.

Nichtsdestotrotz, die Umzugskartons mussten ausgeräumt werden und so packte ich meine Schätze wieder zurück in ihre Keksdose. Dort blieben sie ein weiteres Jahr, allerdings nur aus den Augen, nicht aus dem Sinn. Was macht man mit alten Negativen, von denen man weder das Material kennt noch die Zeit ihrer Entstehung? Scannen kam für mich nicht in Frage, ich wusste ja nicht, ob sie diese Prozedur überhaupt aushalten. Außerdem haben sie ein so ungewöhnliches Format, dass ich wahrscheinlich schon nach den ersten drei Versuchen wahnsinnig geworden wäre. Für das Format, ca. 8,2 x 14 cm gibt es keine Halterung und wer jemals gezwungen war, ein Negativ zwischen Scanner und einer Glascheibe auszurichten, der wird mich verstehen. Also wie die Bilder aus den Negativen hervorlocken? Wie hat man denn früher Abzüge gemacht, wenn man wenig Zeit und keinen geeigneten Vergrößerer hatte? Klar. Mit einer Direkt- oder Kontaktkopie. Und die einfachste Variante ist da eine Cyanotypie.

Die Sonne schien, die entsprechende Chemie und ein gutes Papier waren im Haus, also habe ich mal eben zwischen Tür und Angel ein quadratisches Büttenpapier mit der Cyano-Emulsion eingepinselt, das Ganze trocknen lassen, dann ein wahllos herausgegriffenes Negativ auf das Papier gelegt, Glasscheibe drüber, das Ganze für 20 Minuten in die Sonne…..

cyano_002webHolla. Damit hatte ich nicht gerechnet.
Auf das Bild klicken macht übrigens groß – und das dürft ihr Euch auf keinen Fall entgehen lassen!

Es war einfach nur ein grauschwarzes Negativ. Wenn man es gegen das Fenster hielt, so konnte man etwas erkennen, ja. Aber dass das Ergebnis so fein gezeichnet ist, hätte ich nie gedacht! Und Cyanotypie ist ja nun wirklich nicht der optimale Weg, um aus einem Negativ das Maximum herauszuholen.

 

Die Prozedur unter der Glascheibe in der heißen Mittagssonne führte dazu, dass sich das Negativ ganz weich anfühlte. Mein erster Gedanke war „Hilfe, das ist Gelatine“, aber nachdem ich es vorsichtig wieder ins Kühle getragen habe, war es nach einer Weile wieder wie vorher. Trotzdem wagte ich keine weiteren Experimente. Ich nahm mir vor, mal ganz in Ruhe mit den Schätzen in die Dunkelkammer zu verschwinden, sobald ein geeigneter Vergrößerer gefunden war. Der Vergößerer zog kurze Zeit später ein, trotzdem sollte es wieder zwei Jahre dauern, bis ich die Keksdose in die Hände nahm.

Ich sagte ja eingangs… eine Fortsetzungsgeschichte 😉

Nachtrag: Wer weiß, welches Gebäude auf der Cyanotypie zu sehen ist, bitte als Kommentar hinterlassen!

 

 

 

3 Kommentare zu “Der unbekannte Fotograf (Teil 1)

  1. Andreas

    Hiho,
    ich wünsche Dir viel Glück, in deiner Foto-Detektivischen-Suche. Ich habe etwas ähnliches noch (fast) vor mir. Nur im Gegensatz zu Deiner Version, kenne ich den Fotografen. Allerdings versuche ich auch zu Rekonstruieren, wo er gewesen ist. Mein Fotograf hatte zum Glück schon auf 35mm seine Bilder hinterlassen. Mein Negativscanner hängt jedoch…
    Wünsche Dir noch viel Spass, und ich bin gespannt was man noch so alles liest & was Du herausfindest…

    Grüße,

    Andreas

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