Der unbekannte Fotograf (Teil 2)

Die Vorgeschichte findet man, wenn man auf diesen Link klickt 😉

Jetzt haben wir die vorher angemerkten „Zwei Jahre später“… und am letzten Wochenende habe ich mir dann tatsächlich meine Keksdose geschnappt.

Der Plan war, den ganzen Stapel der alten Schätze in Ruhe zu sichten, zu sortieren und jedes Negativ fein säuberlich mit einer eigenen Pergaminhülle zu beglücken. Nachdem sich meine Augen an die Art und Weise der Abbildung gewöhnt hatten, wollte ich eben diesen kaum trauen. Ich glaube, mit diesem Flohmarktfund habe ich tatsächlich einen kleinen Schatz gefunden. Ich sah Menschen aus längst vergangenen Zeiten, Damen in langen Kleidern und mit Hüten, Männer in Uniform, Herren mit Hut und Gehstock, Szenen, die mich an Filme wie „Titanic“ erinnern. Plötzlich wurde mir klar, dass ich wahrscheinlich Bilder in Händen hielt, die zwei Weltkriege überstanden haben.

Die Sichtung schob mir eine Gänsehaut nach der anderen über den Körper und es dauerte nicht lang, da hatte ich alle wohlstrukturierten Organisationspläne über den Haufen geworfen. Ich wollte Positive sehen.

Jetzt darf man sich das auch nicht so einfach vorstellen, Negative auf Papier zu bringen, von denen man weder weiß, wie sie enstanden sind, auf welchem Film sie  gemacht wurden, was genau darauf abgebildet ist, wie der Fotograf getickt hat, welche Kamera er benutzt hat… Schon mit dem heute verfügbaren Filmmaterial ist es schwierig, Negative von einem fremden Fotografen zu printen. Nicht vergessen darf man dabei ja auch, was sich der Fotograf bei der Aufnahme gedacht hat. Wie hat er sein Bild gesehen, was war ihm wichtig, was eher unwichtig?

Fragen über Fragen.
Annähern kann man sich der Beantwortung nur, wenn man einfach mal loslegt, dachte ich.
Gedacht, gemacht – ein Negativ geschnappt und ab in die Dunkelkammer. Natürlich wollte ich ein Ergebnis gleich auf Baryt haben, das gab es nämlich seit 1866. PE-Papiere gibt es erst seit etwa den 1960er Jahren. Da die Negative ganz klar älter waren, kam PE-Papier für mich erst gar nicht in Frage. Außerdem liebe ich Baryt-Papier, die Schwärzen stehen darauf besser und die Haptik ist ungeschlagen. Als Entwickler habe ich mir (klar!) ein Produkt aus unserem Laden ausgesucht. Die Wahl fiel auf den Beautiful Black, denn mit ihm kann ich mit verschiedenen Verdünnungen experimentieren, die Einfluss auf die Auspägung des Schwarz haben.

Die ersten Probestreifen waren faszinierend, der erste Opferabzug zeigte mir dann schon, dass der Fotograf sein Handwerk verstanden hat. Und ich bildete mir auch ein, sehen zu können, was er einfangen wollte. Ich habe dann noch ein bisschen hier und da „geschraubt“ und das Ergebnis hat mich mehr als entzückt.

I-Gletscher001webWie immer – ein Klick auf das Bild macht es größer.

 

Leider verlieren solche Bilder Qualität beim Scannen und Verkleinern für das Internet, aber ich denke mal, ihr könnt schon nachvollziehen, warum ich so begeistert war?

Mit dem Print in den Händen stellten sich dann auch gleich die nächsten Fragen. Wer waren die Personen? Waren sie ein Paar? Oder hatte die Frau eine Beziehung zum Fotografen? Vielleicht waren sie auch nur alle miteinander verwandt? Diente der Schleier dem Sonnenschutz? Wo ist dieser Gletscher, den man im Hintergrund sieht? Ist das Bild gestellt, oder rauchten die Herren tatsächlich solche Pfeifen beim Wandern? Oder entstand das Bild in oder kurz nach einer Rast?

Und wieder die Frage, wann wurde es aufgenommen, aus welcher Zeit stammen diese Negative? Die ersten Fragen kann man nicht so ohne Weiteres beantworten, aber das Zeitfenster kann man sicher eingrenzen, denke ich. Ich habe schon recherchiert und einige Antworten gefunden. Es ist eine Art Zeitreise, die ich hier angefangen habe.
Ich würde Euch gerne ein Stück auf dieser Reise mitnehmen. Das ist nicht ganz uneigennützig, denn ich denke schon, dass ihr mir helfen könnt, noch offene Fragen zu beantworten, Zeitpunkte und Orte einzukreisen und vielleicht bekommen wir ja sogar einen Namen?

Ich weiß inzwischen, dass die Bilder höchstwahrscheinlich auf dem Film „Kodak Typ 122“ aufgenommen wurden. Da dieser Rollfilm erst 1903 an den Markt kam, setzen wir die untere Grenze für die Entstehungszeit der Bilder mal auf 1903. Die Damenmode wandelte sich ab 1890, da verschwanden nämlich die Tornüren, also diese extra betonten Popos und die Damenkleider sahen etwas bequemer aus. Der erste Eindruck täuschte zwar, denn unter den Kleiderschichten fand man jetzt Korsetts, die eine modische Wespentaille zauberten, aber die Röcke wurden insgesamt glockiger, die Blusen erschienen luftiger. Wer also an dieser Stelle helfen kann, weil er weiß, wann die Wanderkleidung der Damen so aussah wie auf dem Bild abgebildet, der ist herzlich eingeladen, sein Wissen in den Kommentaren preis zu geben! 🙂

Fortsetzung folgt…

 

 

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