Der unbekannte Fotograf (Teil 4)

Heute habe ich leider kein Foto für Euch – genauer gesagt, keinen neuen Abzug. Wenn ich könnte wie ich wollte…. aber wir haben ja Zeit. Negative, die ca 110 Jahre alt sind, müssen nicht in einer Woche abgezogen werden.

In Teil 1 sagte ich schon, dass die Negative ein Format von ca. 8,2 cm x 14 cm haben. Mit diesen Angaben war es nicht so sehr schwer, herauszufinden, welchen Film unser unbekannter Fotograf verwendet hat. Die Negative wurden ja in einem Ledermäppchen von Kodak aufbewahrt, also fix die Zentimetermaße in inch umgerechnet und dabei kam dann heraus, dass es sich um den Film Kodak Typ 122 handeln muss, der ein Negativformat von 3 1/4 inch mal 5 1/2 inch hat. Das ist auch genau das Postkartenformat, welches in den USA verwendet wurde. Jetzt ist es auch gar nicht mehr so schwer, herauszufinden, mit welcher Kamera unser Fotograf seine Bilder gemacht hat. Kodak hat 1903 eine Kamera auf den Markt gebracht, die als „Postkartenkamera“ beworben wurde – die 3A Kodak Pocket Folding Camera.

Kodak 3A

(c)http://www.vintagephoto.tv

An dieser Stelle ein großes Dankeschön an Scott, der mir erlaubt hat, sein Bild zu verwenden!

 

Als diese Kamera 1903 auf den Markt kam, hat sie 78$ gekostet, ein weiterer Beweis dafür, dass unser unbekannter Fotograf kein armer Mann war. Der Durchschnittsverdienst im Jahr 1903 lag etwa bei 855 Mark. Das waren auf den Monat gerechnet 71,25 Mark. Es ist ein bisschen schwierig, den Wechselkurs zwischen Dollar und Mark im Jahr 1903 herauszufinden – aber für das Jahr 1912 wurde ich fündig und man sagte mir, dass die Währungen in dieser Zeit doch recht stabil waren. Demnach wären 78$ (so der ausgewiesene Preis für die Kamera) etwa 343 Mark gewesen. Der oben angemerkte Durchschnittsverdienst ist wie schon gesagt ein Durchschnitt. Ein Volksschullehrer in Ostpreußen hat 1903 ca. 900 Mark im Jahr verdient, ein Laternenwächter in Marburg kam auf 396 Mark im Jahr. Wer also mal eben etwa 343 Mark für einen Fotoapparat ausgeben konnte, den kann man wohl zu Recht als wohlhabend, wenn nicht sogar reich bezeichnen, oder? Und wenn man sich so ein bisschen die Relationen vor Auge führt… 1903 brachte Ford sein erstes Automobil auf den Markt. Es handelte sich dabei um das Modell A und kostete in der Grundausstattung 750$. Die Kodak Kamera kostete 78$. Welcher von den beiden Artikeln war jetzt das Luxusgut?

Da ich die Negative ja in meinen Händen halte, bin ich euch ja ein bisschen voraus. Dass unser unbekannter Fotograf kein armer Mann war, zeigt sich nicht nur in seiner Kamera, sondern auch in seinen Bildern. Er ist viel gereist und hat viel fotografiert – Fotografie war 1903 ein Luxushobby und in der Weltgeschichte herumreisen konnten auch nur die wohlhabenden Menschen..

Mehr gibt es heute nicht an dieser Stelle – ich muss am Wochenende mal wieder ein paar Stunden freischaufeln, um in die Dunkelkammer huschen zu können.

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