Meilensteine (1)

Der folgende Text ist mit voller Absicht unter der Kategorie „Das Leben“ einsortiert. Und es ist ein Mehrteiler. Ist das Leben ja auch, oder?

 

Kennt ihr das? Man denkt sich nichts, trödelt mit all seinen Sinnen so durch den Tag und plötzlich – BÄMM – springt einen hinterrücks die Vergangenheit an. Quasi aus dem Nichts. In Form von Kinderstimmen. Hintenrum.

Da springen echt nervtötende Kinder im Hof herum und gröhlen „Ein Stern, der Deinen Namen trägt….“. Inbrünstig. Aus voller Kehle. Und Du fragst Dich, warum diese Gerademalschulkinder so einen fatalen Hang zum schlechten Schlager haben. Du sitzt vor Deinem Rechner, fühlst Dich ganz schrecklich angetriggert und machst natürlich promt Tante Guckel auf und guggst mal, ob es die CD noch gibt, für die Du damals auch einen Text geliefert hast. Das war ja auch sowas wie Schlager. Damals. In dem Jahr, in dem Deine Tochter geboren wurde. Die gestern 25 Jahre alt wurde. Und Du erinnerst Dich an die Zeiten, die so voller Unglauben, Begeisterung, Energie, Vielfalt und Aufregung waren. Sie haben dermaßen nach Fame gerochen, da kam kein Patschouli mehr mit. Und Du erinnerst Dich plötzlich auch an die Enttäuschung, die Trauer, die Wut und den Frust, sie folgten dem ganzen Pseudofame quasi auf dem Fuße. Du warst 25 und hast gedacht, es passt. Pustekuchen. Gepasst hat nur der Sack voll Erfahrung, den Du aus der ganzen Nummer mitgenommen hast. Und an dem Du Dich immer noch abschleppst. Hier und da.

So wie heute. Schlager gröhlende Kinder im Hof. Ich meine, hallo? Hätten sie nicht die Moorsoldaten oder meinetwegen „Hänschen klein“ singen können? Mist. Elender Mist.
Die ganzen Bilder kommen wieder hoch, das Herz schmerzt, der Kloß sitzt breit grinsend im Hals und ich denke, vielleicht ist es ein Zeichen. Ein Zeichen dafür, endlich mal die Hosen runter zu lassen und zu erzählen, was damals passiert ist, was mich geprägt hat und was mich immer noch verfolgt hier und da. Ich denke, es ist an der Zeit, abzuschließen. So für mich. Bevor ich 50 bin.

Damals. Die WG in Braunschweig. Ich hab viel Zanki gehört damals. Rauf und runter. Edo Zanki auf Schallplatte.

Geschrieben habe ich schon, seit ich schreiben kann. Auch ich bin durch das Jammertal der Teenager-Gedichte-Lyrik-ohweh geschritten, aber wenn ich mir heute die wenigen Sachen anschaue, die tatsächlich zahllose Umzüge überlebt haben, dann waren die nicht sooo schlecht. Ich meine, nicht überragend gut, aber eben auch nicht soooo schlecht. Und damals in der WG, da bekamen wir einen neuen Mitbewohner. Wie das eben so ist in WGs – die einen gehen, die anderen rücken nach. Na, und nun rückte eben Andreas nach. Musikaffin. Texter. Für Maffay und so. Für mich war das damals so eine Art Offenbarung. Nicht, dass ich jemals Peter Maffay mochte, auch wenn ich „Und es war Sommer“ auch immer noch mitsingen kann, gemocht habe ich ihn nie. Aber der Andreas schrieb eben für Maffay. Und wer für Maffay schrieb, der war nicht wirklich cool, aber dennoch… ich mein, für Maffay. Der machte goldene Schallplatten und so. Kann man uncool finden und trotzdem ein bisschen ehrfuchtsvoll sein. Finde ich. War ich auch.

Andreas war ein Netter. Er bekam mit, dass ich so vor mich hinschrieb und gab mir eines von seinen „Lala“-Bändern. Das waren so Kassetten, auf denen war nur die Musik und da konnten die Texter dann mal versuchen, einen Text drauf zu schreiben. Viele Texter, ein Lala-Band, Wettberwerb, verstehnse? Ja, und der Andreas, der gab mir so ein Lala-Band, damit ich mal ausprobieren konnte, ob ich auch auf Musik schreiben kann. Logisch ein Lala-Band, was schon „durch“ war. Ich sollte ihm ja keine Konkurrenz machen. Ich meine, Maffay? Hallo? Never!

Bis dahin hatte ich nur so vor mich hingeschrieben. Schon mit Refrain und Bridge und all dem Kram, aber eben ohne Musik. Und mit dem Lala-Band stellte ich fest, hey, ich kann das auch. Also, Worte der Musik auf den Leib schreiben. Quasi.
Prima. Eine schöne Erkenntnis. Also, wenn ich das kann, dann könnte ich ja auch…. ich sah es damals schon als jugendlichen Übermut, aber dennoch. Ich packte, was ich so an Texten herum liegen hatte und gut fand in einen Umschlag, einen kurzen Brief dazu, der Inhalt war wahrscheinlich total cooles „Hey, ich bins, schau mal, was ich gemacht habe, wie findste das denn, hm?“ – Geschreibsel und bevor mich der Mut verließ, adressierte ich das Ding an den Herrn Zanki, hopp, frankiert und ab dafür.

Das Leben war voll, aufregend und spannend, mein Brief schnell vergessen. Irgendwann im Winter klingelte dann das Telefon in der WG. „Hier ist der Edo“…. ja. Klar. Aber er war es tatsächlich. Und er wollte, dass wir uns treffen. Was wir dann eine relativ kurze Zeit später auch taten.

Es begann eine längere Geschichte, wobei ich heute glaube, „lang“ war sie nur auf meiner Seite.

… will be continued…

TP243li

3 Kommentare zu “Meilensteine (1)

  1. Sebastian

    Ich bin gespannt wie es weiter geht. Ich hab fast 20 Jahre gebraucht um mit meinem“From Hero to Zero“-Erlebnis soweit abzuschließen, dass es mir nicht mehr die in Deinem Text eingangs beschriebenen Gefühlseskapaden bereitet.

    1. tilla Autor des Beitrags

      Oh, Sebastian – es ist weniger ein „from Hero to Zero“-Erlebnis. Mehr so ein „blauäugig trifft es ungemein“-Ding 😉

  2. aebby

    Ich bin gespannt … irgendwie habe ich immer heraus-gehört und gesehen (in diversen Bildern), dass Zanki eine besondere Bedeutung hat …

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