Meilensteine (2)

Ich habe lange überlegt, ob ich „Meilensteine 1“ wieder lösche.
Seit ich auf „veröffentlichen“ gedrückt habe, trage ich dieses Gefühl mit mir herum, einen Begleiter in die Wüste zu schicken, der mir so elend vertraut ist, dass ich ihn eigentlich nicht weg schicken kann. Die Macht der Gewohnheit und so. Dabei ist dieser Begleiter ein echter Arsch. Er ist es auch, der mich bisher davon abhielt, weiterzuschreiben. Aber ich denke, das will ich mir nicht gefallen lassen.

Das Intro gibt es hier

Wie schon gesagt, es war der Winter 1988, als das Telefon in der WG klingelte und tatsächlich Edo dran war. Ihm gefiel, was ich ihm geschickt hätte, sagte er. Er wolle mich kennenlernen, denn vielleicht könnten wir ja zusammen etwas anzetteln. Sagte er. Ich sagte wenig. Dann sagte ich zu. Und legte auf. Und konnte kaum glaube, was mir widerfahren war. Ich meine, hey, Edo hatte mich angerufen! Der Mann mit dieser wundervollen Soulstimme, dessen Platten sich fast täglich auf meinem Plattenteller drehten. Hammer. Flippste voll aus.

Ich sollte diesem Mann also im Januar live gegenüber stehen. Und als ich mir diesen Umstand richtig bewusst machte, bekam ich Fracksausen. Schiss. Ehrfurchtszittern. Dass die Musikszene ein Haifischbecken ist, wusste ich. Andreas hatte ja auch schon viel erzählt von dem, was er so als Texter erlebte. Mit Andreas war ich inzwischen gut befreundet. Ich war auch ein bisschen verliebt in diesen Mitbewohner, auch wenn er für Maffay schrieb, aber hauptsächlich waren wir doch tatsächlich gute Freunde geworden. Es lag also nahe, dass ich ihn einfach mitnahm, wenn ich zu Edo fuhr. Zum einen wollte ich mit meinem Nervenkostüm diese Strecke nicht alleine fahren, zum anderen dachte ich mir, dass der Andreas ja schon mit diversen Wassern gewaschen ist, und daher aufpassen kann, dass ich nicht gefressen werde. Von den Haifischen in der Musikszene. Was ich damals nicht sah, oder sehen wollte, war, dass mein guter Freund Andreas auch mit einem stattlichen Gebiß ausgetattet war. Und trainiert. Aber gut, ich war jung und naiv und so tingelten wir gemeinsam gen Süden in das Studio der Zankis.

Heute würde man wohl Meeting dazu sagen, damals war es einfach ein Treffen von Menschen, die Spaß an Musik und Sprache hatten – die eine Seite mehr oder weniger berühmt, die andere mehr oder weniger sprachgewandt. Natürlich mit Schnittmenge, ich will ja hier niemandem seinen Fame absprechen. Der Empfang war mehr als herzlich, man könnte schon sagen, extrem kuschelig familiär. Etwas, das mir sehr gut gefallen hat. Nicht so gut gefiel mir, dass mein lieber Freund sich gleich mal mit tonnenweise so genannten Referenzen in den Vordergrund schob, aber was soll man machen? Er hatte doch die Erfahrung und schon das ein oder andere geschrieben und veröffentlicht? Ich war ja nur ein kleines Licht. Und schwupp, war die Butter vom Brot – aber das merkte ich erst sehr viel später.

Erstmal saßen wir in trauter Runde da im Studio herum, erzählten und lachten viel und ich fühlte mich wohl. Von Haifischbecken keine Spur. Ganz im Gegenteil. Ich wurde „Freundin“ genannt. Nein, Rosengärten wurden mir nicht versprochen, aber der Begriff „Freundschaft“ ist mir heilig. Ja, ich weiß, mein Problem. Und ich fühlte mich unglaublich gebauchpinselt, weil Edo mich „Freundin“ nannte und davon überzeugt war, dass wir zusammen etwas rocken können. Ich kürze hier einfach mal ab – aus dem Date wurde ein Lala-Band. Eines für mich und eines für Andreas. Wir sollten einfach mal texten – nicht für Edo, sondern für ein Projekt von Edo und Vilko. Das „Projekt“ hieß MIchael und war mal ein bisschen berühmt mit so Sachen wie „Himbeereis zum Frühstück“ und er wollte ein Comeback starten. Schlager? Mir doch wurscht! Ich roch Anerkennung für meine Schreiberei. Und vielleicht ein bisschen Ruhm. Es wurde sich geeinigt, wer welches Stück auf dem Band in Angriff nimmt. Dann ging es wieder auf die Autobahn Richtung Braunschweig.

Ich schrieb wie eine Besessene. Feilte hier und strich dort, wachte nachts für eine Textzeile auf. Erfuhr, dass ich schwanger bin, packte gleich noch eine codierte Textstelle mit in den Song und irgendwann war ich fertig mit meinem Stück. Andreas war auch fertig und bat mich, seinen Text zusammen mit meinem abzuschicken – E-Mail gab es ja noch nicht, wir arbeiteten damals mit Briefmarke und Post und so. Und Handschrift auf Papier. Jaja. Ich stoppfte also den Text von Andreas mit in den Umschlag, der mir dabei aus der Hand fiel und seinen Inhalt fein säuberlich auf dem Fußboden unserer WG-Küche verteilte. Ein Teil der Blätter entfaltete sich und ich sah sofort, dass da zwei Texte von Andreas waren. Er hatte sich auch „meines“ Stückes bemächtigt auf darauf einen Text geschrieben. Klar war ich stinkig, stellte ihn zur Rede und bekam dann eben in der heimischen Küche meine erste Lektion „als Stichling im Haifischbecken paddeln“.

Anyway – unsere Texte wurden genommen, von jedem der, der auf das zugeteilte Stück geschrieben worden war und in der WG herrschte wieder Friede, Freude, Eierkuchen. Dann überschlugen sich die Ereignisse, ich machte Abitur, bekam Tillatochter, zog weg aus Braunschweig, um mein Studium zu beginnen, zwischendurch wurde die LP veröffentlicht und im Herbst bekam ich ein frisches Lala-Band von Edo. Diesmal für ein Edo-Album.
Okay, ich studierte mit einem Säugling in einer mir noch fremden Stadt, ohne Freunde oder wenigstens Menschen, die ich kannte, an der Uni waren sie alle so schrecklich jung (ich hab ja mein Abi auf dem 2. Bildungsweg gebaut) und die Nächte waren verdammt nochmal viel zu kurz. So kam es, dass ich meinen Text zu spät abgegeben habe. Tja. Shit happens.

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… will be continued…

 

 

 

 

4 Kommentare zu “Meilensteine (2)

  1. boris

    Ich kann mir Dich zwar nicht mehr als „Stichling im Haifischbecken“ vorstellen, sondern würde Dir eher die Rolle des Vorsitzenden der Hai AG zutrauen, aber sei es drum – das ist eine sehr spannende Geschichte!

  2. tilla Autor des Beitrags

    Ach Boris, das Leben bringt so manchem Stichling auf teilweise sehr unangenehme Art und Weise bei, sich eine Haifischflosse anzukleben…

    1. tilla Autor des Beitrags

      Doch sie flüstert all die Dinge
      die er so gerne hört
      und sein Herz schlägt laut wie ein Güterzug
      der durch seinen Schädel fährt

      Sie hat ihn abgehängt
      er hat es überlebt
      sie lebt jetzt mit ’nem andren Typ
      den sie natürlich auch betrügt

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