Meilensteine (3)

In ein paar Tagen werde ich 50. Die Zeit rast und ich hätte diesen ollen Ballast gerne vor diesem magischen Tag von den Schultern. Je weiter ich schreibe, desto häufiger setzt das Kopfschütteln über mich selber ein. So eine Rückschau klärt den Blick. Und erklärt vieles.

___________________________________________________________________________

Okay. Da saß ich nun mit meiner Weisheit und einem wirklich guten Text. Und war beleidigt. Denn man hätte mich ja auch mal anrufen können und nachfragen können, ob da noch was kommt. Oder ob ich vielleicht ’ne kleine Aufmunterung brauche. Man hätte mir Schokolade schicken können. Wenigstens. Menno. Einen echten Abgabetremin hatte ich ja auch nicht. Aber nein, es gab einen Schrieb aus dem Sekretariat mit dem lapidaren Inhalt „zu spät und auch nicht gut genug“. Oder so ähnlich. Ich habe ihn feierlich in winzig kleine Schnipsel zerrissen und im Lokus runtergespült.

Selbstverständlich habe mir die neue CD besorgt. Und der Text, der letztendlich da gelandet ist, wo der meine hätte stehen sollen, der war richtig schlecht. Ich kann das beurteilen. Grottenschlecht.
Ja, ich war beleidigt, enttäuscht und traurig. Dolle.
Aber irgendwann habe ich mir die Schuld in die Schuhe geschoben. Ich hatte nicht pünktlich abgegeben, ich hatte nicht nachgefragt, ich hatte nicht gesagt, dass 2 Stunden Schlaf pro Nacht irgendwie dazu führen, dass die Muse sich anderweitig verlustiert. Und ich konnte auch voll verstehen, dass Andreas, den ich seit meinem Umzug nicht mehr gehört und gesehen habe, einen Text auf der neuen Scheibe hatte. Logisch. Ich mein, der war ja auch viel besser als ich und der hat ja auch schon für Maffay….
Für das Konzert in Hamburg kam ich noch auf die Gästeliste, im Backstagebereich wurde ich allerdings von Edos Frau abgewimmelt. Der Künstler wolle nicht gestört werden.
Ich hatte volles Verständnis.
Für die nächste CD wurde ich nicht einmal mehr angefragt. So viel also zum Thema „Freundin“.

Das Leben ging weiter. Ab und zu tat es eben weh.

Wir springen ins Jahr 2001.
Inzwischen war ich verheiratet, wohnte in Hessen und hatte mit der Texterei im Großen und Ganzen nicht mehr viel am Hut. Ich war ja auch nicht gut genug. Von den in der Zwischenzeit herausgekommenden Zanki-CDs hatte ich nicht einmal mitbekommen, dass sie herausgekommen waren. Obwohl deutschsprachige Musik einen neuen Höhenflug erlebte, bekam ich nur durch Zufall mit, dass Edo zusammen mit der Mannheimer Knödelbardentruppe Band „Die Söhne Mannheims“ und mittenmang Xavier Naidoo wieder angefangen hatte, Musik, wie ich sie mag, zu machen. Mein Groll war weitgehend verflogen, es war ja auch schon eine ganze Zeit ins Land gegangen und die neue CD hieß ja nun auch „Die ganze Zeit“… das war so etwas wie ein Zeichen. Dachte ich.

In überschaubarer Entfernung sollte ein Konzert statt finden, also besorgte ich Tickets, packte Tillatochter ins Auto und aufgeregt fuhren wir ins nahe Aschaffenburg. Das Konzert war gut, die Musik war gut, die Stimmung war gut! Tillatochter in der ersten Reihe, wie verrückt mit dem einen Backgroundsänger flirtend und jede Menge Bonbons abstaubend. Und ich war versöhnt. Da ich mich ein bisschen auskannte, war es auch kein Problem, nach dem Konzert ein Plakat abzustauben und für ein Autogramm in den Backstagebereich zu tigern. Ja, ich wollte Edo sehen, wollte ihm in die Augen schauen und einfach nur wissen. Was? Keine Ahnung. Das Bedürfnis waberte einfach so durch mich durch und wollte erfüllt werden. Heute denke ich, ein „Hey, schön dich zu sehen nach all den Jahren“ hätte mir schon gereicht. Die Garderobe wurde allerdings von Edos Frau abgeschirmt. Die mich sofort erkannte, schräg anguckte, mit den so üblichen Floskeln bedachte und mir erklärte, dass der Künstler nicht zu sprechen sei. Ich glaube, wäre Tillatochter nicht dabei gewesen, hätte ich es auf eine kleine Auseinandersetzung ankommen lassen. Da stank doch was. So aber bat ich höflich und wohlerzogen um die Unterschrift auf dem Plakat, das mir daraufhin abgenommen, zum Künstler getragen und wiedergebracht wurde – so schnell bin ich noch nie zu einem Autogramm gekommen.

Wenn ich diese Geschichte jetzt so niederschreibe, dann klingt das alles ein bisschen sehr lapidar. Meine Güte. Menschen sind so. Aufstehen, Krönchen richten, Dreck von den Knien putzen, weitergehen. Scheiß drauf, dass dein Herz weint, und du die Welt nicht mehr verstehst. Stell Dich nicht so an.
Ich stell mich aber an. Ich fand es erbärmlich, dass mich jemand nicht sehen wollte, der mich „Freundin“ genannt hat, der so viel von mir und meinem Inneren kannte. Ein Mensch, mit dem ich ein gutes Gefühl hatte. Man textet nicht einfach so. In jedem Text steckt eine Menge von dem Menschen, der ihn schrieb. Ich habe Edo Einblicke in mein Innerstes gewährt und es reichte nicht einmal für ein „Guten Tag“? Fuck. Das kann doch so nicht sein.

Viel, viel später erzählte ich einer alten Freundin aus WG-Zeiten von dieser Begegnung mit der Vergangenheit. Sie schaute mich an und fragte vorsichtig „Sag mal, bist du sicher, dass Andreas da nicht irgendwas behauptet hat von dir, was gar nicht stimmt?“ BÄM. Guten Tag, Verschwörungstheorie. Ich winkte ab. Aber der Stachel war gesetzt und arbeitete sich in mein Fleisch.

… will be continued…

TP593li


Teil 1

Teil 2

 

 

4 Kommentare zu “Meilensteine (3)

  1. aebby

    Langsam wird das Bild klarer und die Geschichte ätzend. Unwahrheiten, die andere verbreitet haben, Gerüchte gegen die mann / frau sich nicht wehren kann sind mit das Ätzendste was es gibt. Da nagen Wut und Gerechtigkeitssinn … die Meilensteine sind vielleicht Wackersteine, die frau jahrzentelang herumträgt.

    An ein Bild, da womöglicherweise bei diesem „Wiedersehens-Konzert“ entstand erinnere ich mich dunkel.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.