Von nassen Katzen und einem roten Sofa

Ich hab ein großes, rotes Sofa.
An manchen Tagen wollen wir miteinander verschmelzen.
Das Sofa ist so groß, dass eine Verschmelzung zusammen mit Rotwein und guter Schokolade ohne weiteres möglich ist. Eingemummelt in die Lieblingsdecke kann der Tag da draußen so sonnig oder grau sein, wie er will. Kratzt mich nicht.

Nasse Katzen brauchen Wärme

Es gibt jede Menge Menschen, die ihre Sitzmöbel lieben. Aus unterschiedlichen Gründen. Geselligkeit, Kuschelalarm mit dem Liebsten, Rotz und Wasser heulen bei „Vom Winde verweht“, Sockenstrickmarathons, Fieberschübe mit laufender Nase. Sicher. Für all das und noch viel mehr ist so ein Sofa gut. Ich habe es in der Vergangenheit auch ganz oft für die Fotografie genutzt.
Seit Monaten jedoch ist mein Sofa Auffangbecken für mich als nasse Katze. Mir ist kalt, ich bin unwirsch und ja, das Haar sitzt auch nicht richtig. Im Kopf rotieren die Gedanken, oh, was hätte ich in den vergangenen Monaten bloggen können! Stattdessen flüchtetet ich mich in die Umarmung meines Sofas, in die warmen Fänge meiner Decken.

Das Leben da draußen

Es rotiert und passiert. Ich habe nicht das Gefühl, daran dringend beteiligt sein zu wollen. Gute Musik, neue Filme, spannende Veranstaltungen, wilde Festivitäten ziehen an mir vorbei. Ich bin nicht interessiert. Unbeteiligt. Mag die Menschen nicht, die mir ihre Belanglosigkeiten erzählen wollen. Das Tagwerk erledige ich mit mal mehr und mal weniger Lust und Elan, darüber hinaus ist mein rotes Sofa mein Freund. Mit ihm reise ich in meine Vergangenheiten, suche die Fehler, die ich gemacht haben könnte und  kratze ein bisschen, ganz ganz vorsichtig, an der goldglänzenden Verpackung der Zukunft, die ich mir erträume. Ich bin ja schon froh und glücklich, dass da wenigstens wieder Träume sind. Aber die Verpackung aufreißen und die Zukunft starten? Dazu fehlt mir noch der Mut.

Das Krönchen richten

Zum Geburtstag bekam ich von einer Freundin einen Becher mit der Aufschrift:  „hinfallen, aufstehen, Krönchen richten, weitergehen“. Wenn ich mein Leben in der Rückschau betrachte, dann hat sie vollkommen recht. So bin ich immer gewesen. Aber wie viele Krönchen muss man richten, bis man in größeren Abständen stolpert? Und eigentlich ist so ein Ding auf dem Kopf ja eher lästig als zielführend. Es ist allerdings egal, mit oder ohne Kopfschmuck, aufstehen muss man. Immer irgendwie. Gerade auch, wenn das heißgeliebte Sofa einen solch dominanten Platz im Leben eingenommen hat, wie meines in den letzten Monaten.
Ich denke nicht, dass es ein Fehler war, sich mit dem Sofa zu verbünden. Es hat mir gut getan, mir geholfen, Zusammenhänge zu verstehen und mich vor so mancher Kurzschlusshandlung gerettet. Kurz gesagt: Es hat mich davor bewahrt, durchzudrehen.
Aber langsam wird es Zeit, den Absprung vom Möbel zu wagen.

Sofa for sale?

Never! Verkaufen werde ich es ganz bestimmt nicht. Auch nicht verschenken. Es soll wieder seiner Bestimmung zugeführt werden. Ein Schlafplatz für Gäste, ein Tummelplatz für Enkelmädchen und eine Denkwiese für gute Gedanken sein.

 

Nachtrag: Dieser Text ist bereits im November 2016 geschrieben worden. Es hat dann doch etwas länger gedauert.

 

 

4 Kommentare zu “Von nassen Katzen und einem roten Sofa

    1. tilla Autor des Beitrags

      Naja, man kann es halt so oder so sehen. Wenn der Platz einen immer und immer wieder einfach einsaugt, dann ist es manchmal vielleicht besser, nur harte Stühle zu haben?

      1. Berni

        Ihr habt ja in den letzten Jahren viel erlebt. Und wenn Körper und Seele eine Ruhezeit brauchen, ist es vielleicht besser ihnen diese zu gewähren. Wenn man nur auf den Harten bleibt, kommen zu den Sorgen noch Schwielen am Hintern dazu.

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